1. Nachrichten
  2. Panorama

Kein Wasser, kein Sex: Türkische Frauenpower

Kein Wasser, kein Sex: Türkische Frauenpower

Istanbul. Die Herren der Schöpfung sind ratlos. Im südtürkischen Dorf Kicaköy stehen etliche Männer derzeit abends vor verschlossenen Schlafzimmern. Ihre Frauen sind in einen Sex-Streik getreten, weil sie das Trinkwasser für die Ortschaft aus 13 Kilometern Entfernung anschleppen müssen - ohne dass die Männer viel dafür tun würden, dass das Wasserproblem gelöst würde

Istanbul. Die Herren der Schöpfung sind ratlos. Im südtürkischen Dorf Kicaköy stehen etliche Männer derzeit abends vor verschlossenen Schlafzimmern. Ihre Frauen sind in einen Sex-Streik getreten, weil sie das Trinkwasser für die Ortschaft aus 13 Kilometern Entfernung anschleppen müssen - ohne dass die Männer viel dafür tun würden, dass das Wasserproblem gelöst würde. Selbst Bürgermeister Osman Arslan ist zu Hause vom Streik betroffen, wie er der Saarbrücker Zeitung sagt. "Seit etwa einem Monat geht das so", berichtet er. Bei allen Nachteilen müsse er zugeben, dass man den Frauen die Aktion nicht verübeln könne: "Recht haben sie."Während sich die Männer vor dem Teehaus in Kicaköy versammelten und über ihr Schicksal nachsannen, redeten sich ihre Ehefrauen beim Besuch des Parlamentsabgeordneten Ali Riza Öztürk ihren Ärger von der Seele. Kicaköy, ein Dorf in der Provinz Mersin, hat zwar Anschluss ans Trinkwassernetz - eine Rohrleitung endet im Dorfbrunnen, der auf diese Weise gefüllt wird. Doch seit etwa einem Jahr kommt nur noch alle zehn Tage Wasser an, und das reicht für die Versorgung der Ortschaft mit ihren rund 450 Einwohnern nicht. "Die Frauen haben es satt", sagt die Vorzimmerdame des Bürgermeisters. Denn wie so oft in der türkischen Provinz sind es die Frauen, die das Problem ausbaden müssen. Auf Eseln und in schweren Kanistern bringen sie das Trinkwasser ins Dorf. Von den Männern konnten sie bisher weder Hilfe beim Schleppen noch bei der Lösung des Rohrleitungsproblems erwarten. "Jetzt sagen sie: Es ist genug", sagte die Dame im Bürgermeisteramt. Der Parlamentsabgeordnete Öztürk warnt bereits vor einer Scheidungswelle.Sex-Streik mit Film-VorlageDass die Frauen in Kicaköy beim Nachdenken über Strafmaßnahmen gegen ihre untätigen Männer ausgerechnet auf den Gedanken an einen Sex-Streik kamen, ist kein Zufall. Sie orientieren sich an Frauen in einem anderen türkischen Dorf, der Ortschaft Sirtköy in der Nähe von Antalya: Dort hatten die Dorffrauen vor sieben Jahren ebenfalls mit der Taktik der ehelichen Verweigerung und einem dadurch ausgelösten Medienrummel den Bau einer Wasserleitung in ihrem Ort durchgesetzt. In einer bekannten Filmkomödie aus dem Jahr 1983, "Salvar Davasi", ging es ebenfalls um einen Frauenaufstand. Der deutsche Regisseur Veit Helmer verfilmte das Thema des orientalischen Frauenstreiks zuletzt in dem Streifen "Absurdistan".Der Sex-Streik von Kicaköy erregt aber nicht nur wegen der drastischen Methoden der Frauen großes Aufsehen, sondern auch deshalb, weil er die für türkische Dörfer normalen Machtverhältnisse auf den Kopf stellt: Der Mann ist das unangefochtene Oberhaupt der Familie, was oft genug auch mit körperlicher Gewalt durchgesetzt wird. Allerdings hat der Mann im Gegenzug auch die Pflicht, für Frau und Kinder zu sorgen. Und das schließt nach Meinung der Frauen von Kicaköy eine funktionierende Trinkwasserversorgung ein.Der Abgeordnete Öztürk will sich nun bei Politikerkollegen in Mersin dafür einsetzen, dass das Wasser in Kicaköy bald wieder fließt. Bis es soweit ist, müssen sich die Männer im Dorf gedulden - und bleiben aus den Schlafzimmern verbannt. Bürgermeister Arslan kann seinen Leidensgenossen nicht viel Mut machen. "Der Staat sagt, das Wasser werde kommen", teilt er mit. "Aber wann das sein wird, wissen wir nicht."