Karriere? Lieber nicht

Erfolgreich sein, Karriere machen – das gehört für viele zum Leben dazu. Nicht für die Gründer des Haus Bartleby. Sie haben ihre Jobs gekündigt und suchen Gleichgesinnte, die nicht mehr an die Karriere glauben.

"Und was machst Du so?" Kaum ein Gespräch heutzutage, in dem nicht irgendwann diese Frage fällt. Aber warum spielt es eigentlich so eine große Rolle, was wir arbeiten? Und warum soll Karriere so ein hohes Ziel sein? Für die Mitglieder vom Haus Bartleby ist sie das nicht. Das 2014 gegründete Netzwerk nennt sich Zentrum für Karriereverweigerung. Antworten, wie unsere Arbeitswelt aussehen sollte, hat die Gruppe noch nicht. Aber sie will eine Diskussion anstoßen. Auf ihrer Homepage heißt es: "Wem dienen wir, wenn wir eine Karriere machen?"

Alix Faßmann und Anselm Lenz wollen keine Karriere . Faßmann war parteilose Journalistin bei der SPD , Lenz arbeitete am Hamburger Schauspielhaus. Worum andere sie beneiden würden, erfüllte sie nicht.

Viele Menschen hätten das Gefühl, eine Karriere wollen zu müssen, findet Faßmann, die ihren Prestigejob kündigte. Nach ihrem Ausstieg überlegte die 33-Jährige, was sie mit ihrem Leben anfangen will. Auf Sizilien traf sie Lenz. Der 36-Jährige ermutigte sie, ein Buch zu schreiben.

Im Frühjahr 2014 erschien "Arbeit ist nicht unser Leben: Anleitung zur Karriereverweigerung", ein halbes Jahr später gründeten Lenz und Faßmann das Haus Bartleby, um Gleichgesinnte zu finden. "Es ging uns nicht um Selbstverwirklichung, sondern wir wollten uns verbünden. Deswegen sind wir an die Öffentlichkeit gegangen", sagt Faßmann.

Auch der Theatermacher Hendrik Sodenkamp glaubt nicht mehr an das Versprechen Karriere . Der 27-Jährige wurde Anfang 2015 auf Haus Bartleby aufmerksam und schmiss drei Monate später sein Kulturwissenschafts- und Germanistikstudium.

Auf eine Karriere hinzuarbeiten bedeute, eine Sache nach der anderen zu machen, in der Hoffnung, es zahle sich irgendwann einmal aus, sagt Sodenkamp. "Es verschiebt die Gegenwart auf eine unbestimmte Zukunft und sorgt dafür, dass man im Hier und Jetzt Dinge macht, die nicht richtig sind."

Rund 4500 Menschen haben heute den Newsletter der Denkfabrik abonniert. Vergangenes Jahr organisierte das Haus Diskussionsrunden zu Arbeitsethik oder Müßiggang und brachte ein erstes Buch heraus. Doch auch die Karriereverweigerer müssen von etwas leben. Sie haben verschiedene Gelegenheitsjobs, um Miete und Rechnungen zu bezahlen - Faßmann etwa als freie Journalistin, Lenz zum Beispiel als Ghostwriter. "Karriereverweigerung ist keine Arbeitsverweigerung", sagt Faßmann.

Auch wenn das Geld knapp ist - alle sagen, dass sie nun einen Sinn in dem sehen, was sie tun. Sie kämpfen für eine neue Arbeitswelt. Derzeit widmen Faßmann, Lenz und Sodenkamp den Großteil ihrer Zeit dem neuesten Bartleby-Projekt, einem sogenannten "Kapitalismustribunal".

Jeder Bürger kann dabei über eine Internetseite anklagen, was ihm am kapitalistischen Wirtschaftssystem missfällt - rund 400 Anklagen gingen ein. Im kommenden Jahr sollen ausgewählte Fälle im Berliner Haus der Kulturen der Welt vorgestellt werden. Ziel des Tribunals ist nicht, zu zeigen, wie die Wirtschaftswelt künftig aussehen soll, sondern herauszuarbeiten, was eben nicht mehr passieren darf.