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Karnevalshochburgen wollen seit Jahren Behinderten bessere Teilhabe am Feiern bieten

Gelebte Inklusion : Karneval feiern ohne Barrieren

Im Rheinland hat Karneval Tradition. Jecken mit Behinderungen besser einzubinden, das ist Ziel vieler Veranstalter. Es gibt erste Beispiele.

Hermann Brönz steht auf der Bühne und singt ein Lied. Zusammen mit einem halben Dutzend weiterer geistig behinderter und psychisch kranker Menschen macht der 54-Jährige beim Karneval der Caritas in Bonn mit. „Furios“ heißt die Sitzung für Menschen mit und ohne psychische Einschränkung in einem Pfarrsaal im Stadtteil Pützchen. Die Einlage bereitet Brönz sichtlich Spaß. „Ich mache immer gerne mit, weil das einfach das Herz öffnet“, sagt er später. „Das ist der tollste Karneval.“ Für die Klienten – so nennt die Caritas behinderte Menschen in Wohnhäusern, Tageseinrichtungen und Werkstätten – sei es eine gute Erfahrung, selbst auf der Bühne zu stehen, erklärt die Leiterin des Fachbereichs Sozialpsychiatrie bei der Caritas Bonn, Anita Schönenberg. Sie führt als Moderatorin durch das Programm. „Das Thema Teilhabe ist für uns besonders wichtig, auch im Karneval“, sagt sie.

„Furios“ gibt es seit etwa 15 Jahren. Wesentlich länger kommen blinde Menschen in Köln zu einer Sitzung zusammen, auf der sie das Dreigestirn abtasten können. In Aachen hat sich der Karneval die Behindertenfreundlichkeit in diesem Jahr sogar ins Motto geschrieben. Während der Session „All inKlusiVe“ wolle er Barrieren niederreißen, kündigte Prinz Martin I. (Martin Speicher) bei seiner Proklamation an. Die Aachener bauen zum Beispiel einen barrierefreien Karnevalswagen, der ab diesem Jahr bei allen Zügen mitfahren soll. „Insgesamt gesehen würde ich sagen, dass die Sensibilität in den vergangenen Jahren gestiegen ist“, sagt die Abteilungsleiterin für Behindertenhilfe der Caritas im Erzbistum Köln, Karen Pilatzki. Seit langer Zeit werde in Behinderteneinrichtungen und -werkstätten Karneval gefeiert. „Das hat Tradition.“ Neu sei aber die Integration Behinderter in den „sonstigen“ Karneval. „Das beobachte ich erst seit vier oder fünf Jahren“, erklärt Pilatzki.

So gestalten in Neuss Menschen mit und ohne Behinderung einen Karnevalswagen und nehmen gemeinsam am Umzug teil. In Köln, Düsseldorf, Bonn und Aachen wird der Rosenmontagszug für blinde Menschen live kommentiert. Einige Veranstalter engagieren für ihre Sitzungen Gebärdendolmetscher für Gehörlose.

Und die Kölner Stunksitzung hat eine Künstlerin mit starken Sprech-Schwierigkeiten im Programm. Der Text ihrer minutenlangen Solo-Nummer wird zum Mitlesen an die Wand projiziert. Vor wenigen Jahren waren die Bedenken gegen Jecken mit Einschränkung viel größer. 2012 wollte zum Beispiel der Veranstalter eines Karnevalszugs in Moers ein geistig behindertes Prinzenpaar der örtlichen Caritas-Werkstatt nicht auf einem Wagen mitfahren lassen. Er führte versicherungstechnische Probleme ins Feld. Am Ende konnten Prinz Michael „der Köchelnde“ und Prinzessin Claudia „die Liebende“ dann doch mit dabei sein. Auf der Bonner „Furios“-Sitzung gibt es solche Berührungsängste nicht. Die etwa 200 Gäste im Saal – Clowns, Bienen, Katzen, Cowboys – haken sich unter und fangen an zu schunkeln. Darunter sind Klienten, Verwandte, Ehrenamtliche und Caritas-Mitarbeiter.

„Die Durchmischung, die wir hier haben, ist schon ziemlich weit“, findet Fachbereichsleiterin Schönenberg. Karnevalsangebote speziell für behinderte Menschen hält auch Caritas-Expertin Pilatzki für gerechtfertigt. „Betriebskarnevalsfeiern für Behinderte finde ich genauso normal wie Betriebskarnevalsfeiern der Sparkasse“, sagt sie.

Wichtig sei jedoch, dass auch Menschen mit Einschränkung wählen können, ob sie Karneval mit behinderten oder mit nichtbehinderten Freunden und Kollegen feiern wollen – in einer Einrichtung oder einfach draußen auf der Straße.