Influencer wollen Vorurteile beenden und Tabus in Sachen "Oversize" brechen

Das neue Körperbewusstsein in Modeblogs : Das XXL-Plus fürs Selbstbewusstsein

Das neue Körpergefühl dicker Frauen und Männer zeigt sich im Internet. Ein Netzblog heißt „Megabambi“. Wer steckt dahinter?

Dicke kennen die Klischees. Sie sind der lustige Kumpeltyp, in schwarze Walle-Walle-Gewänder gehüllt, die die Fettpolster verstecken sollen. Sie sind die Zielscheibe von Lästereien: „Die ist doch schon so dick, warum kauft die sich noch ein Eis mit Sahneberg oben drauf?“

An diesem Bild hat sich einiges geändert. Das lässt sich besonders gut im Internet beobachten. Dort sind auch in Deutschland einige „Plus Size Influencer“ unterwegs: Das sind Frauen und Männer, die als Blogger und Models mit neuem Selbstbewusstsein ihre Körper zeigen und zum Teil mit Mode und Werbebotschaften ihr Geld verdienen.

Früher hätte man „Übergröße“ oder „mollige Typen“ gesagt. Heute ist „curvy“ ein Schlagwort, also kurvig. Ein anderes ist „Body Positivity“, die positive Einstellung zum eigenen Körper. Das hat schon der Seifenhersteller „Dove“ propagiert, als er vor einigen Jahren mit Frauen warb, die nicht wie dürre Models aussahen.

Wer heute mit „#plussize“ bei Instagram sucht, findet Millionen Einträge, darunter den Beweis, dass es auch Bikini-Figuren weit jenseits der Größe 40 und mit Riesenoberschenkeln gibt. Und klar, es ist wie immer im Netz: Nicht allen gefällt das.

Ein Blog heißt „Megabambi“. Er gehört der Berlinerin Caterina Pogorzelski (38). Sie kommt in einem kurzen, tief ausgeschnittenen hellblauen Kleid zum Interview ins Café. Die Lippen und Nägel trägt sie rot, an den Beinen hat sie trotz Kälte keine Strumpfhose. „Mir ist immer warm.“ Die Kategorie „curvy“ braucht sie nicht, sie hat kein Problem damit, sich dick zu nennen. „Na, bin ich ja!“

Caterina Pogorzelski erzählt von ihrem Leben als „Plus Size Influencerin“. In ihrer Jugend war die Komikerin Hella von Sinnen für sie quasi die einzige dicke Promi-Frau in der Öffentlichkeit. Sie selbst bekam von ihrer Mutter ein gutes Selbstbewusstsein vermittelt. „Ich war schon immer sehr auffällig“, sagt sie.

Ihre Haltung: „Ich bin so, so sehe ich aus, und ich muss damit arbeiten.“ Es lebe sich so viel leichter, wenn man sich selber gefalle. Was für sie bemerkenswert ist: Dass ein Fernsehsender ihren ganzen Körper zeigt oder wenn sie als Stylistin nicht nur dicken Menschen Tipps geben kann. Auch an so etwas kann sich der langsame Wandel in der Gesellschaft zeigen.

Caterina Pogorzelski wurde mit Anfang 20 als Model entdeckt, sie besuchte eine Schauspielschule, wurde Bloggerin und Moderatorin. In ihrem Podcast geht sie etwa der Frage nach, wie es sich als „Plus Size“ Frau lebt.

Wie denn? „Wenn man weiß, wie man damit umzugehen hat, eigentlich tatsächlich sehr schön.“ Was sie am meisten nervt? „Dass man jedem dicken Menschen unterstellt, dass er den ganzen Tag nur Schokolade isst, sich nicht bewegt, nicht weiß, was gesunde Ernährung ist.“

Ihr Tipp für Frauen, die einen größeren Körper haben? „Stell dich vor den Spiegel. Schau dich an. Sei ehrlich mit dir. Finde die Teile an deinem Körper, die du magst, und mit denen fängst du an zu arbeiten. Unterstreich sie mit deiner Kleidung.“

Pogorzelski weiß, dass Instagram mit seinen gestylten und vermeintlich perfekten Frauen enormen Druck ausüben kann. Ihr Rat? „Abonniere Leute, die dir guttun.“ Was sie an der Modebranche sieht: „Klar gibt es Mode in großen Größen, aber noch nicht genug.“ In der Tendenz sei die Mode entweder billig oder teuer, zu wenig sei im Mittelfeld.

Die „Plus Size“-Welt ist schon lange Thema für den Handel. Je nach Hersteller fängt sie bei Größe 40 bis 42 an, bei Models sogar ab Größe 38 – also den sehr gängigen Größen.

Beim Modeunternehmen Otto richtet sich der Blog „Soulfully“ an „großartige Frauen“. Es geht darin um „Frisurentipps für ein rundes Gesicht“ oder Winterjacken in XXL, auch um Seelenthemen wie Tipps für mehr Akzeptanz. Blog-Teamleiterin Dörte Lehne sagt: „Wir lassen die Community sprechen.“ Das werde extrem honoriert. „Die Frauen möchten keine Sonderzielgruppe sein.“ Sie hätten durch die Digitalisierung, also das Internet, die Chance, sichtbar zu werden. „Das Frauenbild hat sich dadurch geändert.“

Die „Plus-Size“-Bewegung bekommt nicht nur Herzchen und Likes im Netz, sie hat auch Kritiker. Übergewicht sei ein Problem und keine Errungenschaft, hieß es etwa in einem Welt-Kommentar von 2017. Model Charlotte Kuhrt geht auf diese Debatte in einem Interview mit dem Blog „This ist Jane Wayne“ ein: Sie kenne kein „Plus-Size“-Model, das propagiere, alle sollten jetzt dick werden und ungesund leben. „Einfach nur das Thema Gesundheit aufgrund des Aussehens zu thematisieren, ist oberflächlich und nicht durchdacht.“

Bei den Männern führt Claus Fleissner bei Instagram vor, dass Mode auch in XXXL funktioniert – in rosa Shorts, grauem Rolli oder Paillettenhemd. „Auch wenn wir dick sind, haben wir trotzdem Lust auf Mode“, sagt der 41 Jahre alte Social-Media-Manager aus Frankfurt am Main. Er bekomme tolle Reaktionen. In der Schwulenszene heißen Typen wie er „Bären“. Besonders dort sehe man, dass die Jungs bunter und modischer geworden seien.

Fleissner findet: „Alle Körper haben ihre Berechtigung.“ Bei dem positiven Blick auf den eigenen Körper sieht er in der Gesellschaft ein langsames Umdenken. Die Frauen hätten da eine Vorreiterrolle. Sein Tipp in Sachen Mode? Das machen, worauf man Lust habe, nicht an Gebote halten.