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In Jogginghose zum Knuddeltag

In Jogginghose zum Knuddeltag

Gleich die erste Stunde des neuen Jahres wartet mit Extravaganz auf: Statt der üblichen 3600 Sekunden wird die erste Stunde des Jahres 2017 eine Sekunde mehr haben. Diese Schaltsekunde soll Zeit und Erdrotation besser in Einklang bringen. Sinnvoll oder nicht?

Kalender-Hersteller müssen einiges berücksichtigen - die kirchlichen Heiligenfeste und staatliche Feiertage. Die vielen Gedenktage, die es mittlerweile gibt, müssen sie zum Glück nicht alle aushalten. 2017 ist beinahe jeder der 365 Tage mit mindestens einer besonderen Bedeutung aufgeladen. Allein die Vereinten Nationen haben rund 130 Internationale Tage pro Jahr festgelegt. Und da niemand Staaten, Verbände, Marketingexperten und Spaßvögel daran hindern kann, eigene Gedenktage auszurufen, ist die Gedenktags-Inflation kaum aufzuhalten.

Es gibt Gedenktage für Sparer, Blutspender, Nudelliebhaber und verlorene Socken, für Sklaven, Putzfrauen und Bauern, für Epilepsie, Menschen mit Down-Syndrom und Rückenleiden. Im Festtags-Wirrwarr gibt es sogar einen Gedenktag gegen Gedenktage: Der US-Kolumnist Harold Pullman Coffin soll 1972 den 16. Januar als "National Nothing Day" ausgerufen haben - als Tag, an dem seine amerikanischen Mitbürger einfach da sitzen dürfen - ohne etwas zu feiern, eines Ereignisses zu gedenken oder jemanden zu ehren.

Allerdings: Den Gedenktags-Boom konnte er damit nicht stoppen. Weihnachten, Ostern, Pfingsten und Co. gliedern seit Jahrhunderten das Jahr nach dem christlichen Festtagskalender. Drumherum entstand dann der Heiligenkalender, der sich fest mit Brauchtum und Lebensregeln wie dem Bauernkalender verband: Der Siebenschläfertag gab Orientierung für das Sommerwetter, an Lichtmess begann die Frühjahrsarbeit. Erster Mai, Muttertag , Erntedanktag und Volkstrauertag beanspruchen teil- und zeitweise staatliche Autorität, sind aber nicht ganz so alt wie die kirchlichen Feste. Das war es dann für lange Zeit.

Doch schon kurz nach ihrer Gründung erkannten die Vereinten Nationen das Potenzial von Gedenktagen. Am 31. Oktober 1947 proklamierte die UNO den ersten "Welttag der Vereinten Nationen ", um die Weltorganisation im Bewusstsein der Weltbevölkerung zu verankern. Mittlerweile reicht die Palette der UN-Tage vom Welt-Aids-Tag über den Tag der Muttersprache und den Welttag der Poesie bis zum Weltfernmeldetag, dem Welttoilettentag oder zum Tag der Industrialisierung Afrikas.

Auch kleinere Institutionen, Verbände und Vereine proklamieren mittlerweile Gedenktage. Den "Tag der gesunden Ernährung" hat der Verband für Ernährung und Diätetik initiiert, den "Tag der Kriminalitätsopfer" der Weiße Ring. Der Internationale Verband der Milchwirtschaft propagiert den "Tag der Milch", der Bundesverband des Deutschen Briefmarkenhandels feiert den "Tag der Briefmarke" und die deutsche Agrarwirtschaft rief 1999 erstmals den "Tag des Deutschen Butterbrotes" aus. Sie alle haben - anders als der Muttertag , der auf die Privatinitiative einer einzigen Frau zurückgeht - bislang nur wenig Durchschlagskraft. Viel öffentliche Aufmerksamkeit erhält der "Tag des deutschen Bieres", der jährlich am 23. April an das 1516 erlassene Reinheitsgebot für bayerisches Bier erinnert.

Manch ein Festtag ist wohl einfach von Spaßvögeln erfunden und existiert nur in Kalendern des Internet: Wer den "Internationalen Tag des Kusses" googelt, kommt immerhin auf mehr als 14 000 Ergebnisse. Junge Männer aus Österreich haben 2009 erstmals den Internationalen Tag der Jogginghose ausgerufen und fordern dazu auf, an diesem Tag ganz bewusst auch an Orten, an denen eigentlich Haute Couture angesagt ist, das bequeme, aber nicht sonderlich hübsche Kleidungsstück zu ehren. Dass am selben Tag, dem 21. Januar, auch der Weltknuddeltag stattfindet, passt ins Bild.

Fest mit dem Januar verbunden ist der Wirf-Deine-Jahresvorsätze-über-Bord-Tag, der am 17. Januar angesetzt ist. Schließlich ist es 16 Tage nach Jahresbeginn höchste Zeit, die an Silvester gemachte Liste mit den fantastischen Vorsätzen für das neue Jahr zu überprüfen - und meist über Bord zu werfen: mehr Sport machen, gesünder essen, weniger Stress. Vielleicht gehört ja auch der Vorsatz dazu, keine neuen Gedenktage auszurufen.Was passiert in der Silvesternacht?

Am 1. Januar wird weltweit zum gleichen Zeitpunkt eine Extra-Sekunde eingeschoben. So eine Schaltsekunde gibt es seit 1972 in unregelmäßigen Abständen alle paar Jahre. Im neuen Jahr findet sie zum 27. Mal statt.

Warum ist die Schaltsekunde nötig?

Das Butterbrot, die Jogginghose, die Toilette, das Bier, die Nudeln und das Spielen im Sand – für nahezu alles gibt es einen Gedenktag. Wenn nicht im Kalender, dann zumindest im Internet. Fotos: dpa.

Grob gesagt, dreht sich die Erde in 24 Stunden einmal um sich selbst. Ganz genau betrachtet, braucht sie für diese Umdrehung jedoch ein ganz kleines bisschen länger. Damit die Atomuhren, die weltweit die Zeit vorgeben, auch weiterhin parallel zum Tag-Nacht-Rhythmus der Erdrotation laufen und beides nicht irgendwann auseinander klafft, muss diese kleine Ungenauigkeit hin und wieder ausgeglichen werden. Langfristig betrachtet würde die Sonne in ein paar Millionen Jahren sonst erst am Mittag aufgehen. Damit die Uhren nach der Schaltsekunde richtig ticken, sendet die Physikalisch-Technische Bundesanstalt über einen Sender ein Signal an alle Funkuhren.