Im Westen Marokkos gibt es harte Nüsse zu knacken

Essaouira : Im Westen Marokkos gibt es harte Nüsse zu knacken

Sie pressen Früchte zu Öl, bekommen dafür ein bisschen Freiheit: Seit den 90er Jahren bieten Kooperativen in dem nordafrikanischen Land Frauen eine Perspektive.

Aus dem Mund von Fadwa al Mannani ist eine Antwort wie ein Endlos-Gang durch die Sahara: „Die Frauen werden pro Kilogramm bezahlt. Es kommt natürlich immer drauf an, wie viel sie produzieren. Wie viele Kilo am Ende herauskommen. Das ist unterschiedlich. Die Frauen haben es selber in der Hand. Natürlich gibt es einen Preis. Aber das ist ja immer unterschiedlich. Sie bekommen 50 Prozent des Erlöses.“ Wie hoch denn der Erlös ungefähr ist und ob man davon leben kann, scheint marokkanisches Staatsgeheimnis zu sein. Dabei ist die Kooperative Marjana im Westen des Landes, 14 Kilometer von der Hafenstadt Essaouira entfernt, im Kern eine gute Sache. Frauen, die sonst keine Arbeit hätten, knacken hier Argannüsse, pressen ihren fettigen Teig zu Öl. Speise- oder Kosmetiköl, online und offline zu kaufen. Eine gute Möglichkeit für die Frauen, um dem heimischen Herd für ein paar Stunden fernzubleiben. Es ist gewissermaßen ein Pressen gegen das Patriarchat.

Berberfrauen wie Fatima tun das häufig – Mehrfachmütter, nicht selten Analphabetinnen, zu Beginn noch gegen heftigen Widerstand von oben, also vonseiten der Ehemänner. „Die Männer haben ihnen zuerst das Öl weggenommen“, sagt Koordinatorin Al Mannani. Mit der Zeit hätten sie sich dann mit dem neuen Job ihrer Frauen abgefunden. Ein Knochenjob. Zwischen Kissen und Körben hämmert die 65-jährige Fatima, bis sich die Schalen öffnen. Im Korb zu ihrer Linken warten ummantelte Früchte auf ihren Nackt-Sprung in den Nachbarkorb. Ein Vorher-Nachher im Akkord. Fatima und die 79 anderen Frauen der Kooperative sind abgehärtet. Von Montag bis Freitag sitzen sie hier, wie für Touristen drapiert. Im Nussknack-Takt dringen Fremde in die 60 Quadratmeter große Halle. „Es ist hart, meine Knie tun weh“, sagt Fatima und erzählt, dass sie wenig Geld habe, dass sie hier von 8 Uhr morgens bis 17 Uhr sitze. Koordinatorin Fadwa Al Mannani versichert dagegen, die Frauen würden nur für vier Stunden pro Tag kommen, alle fünf bis zehn Minuten eine Pause machen. Dann streckt sie in Demonstrationspose die Finger in die Luft: Fünf Kilogramm Mandeln müssen die Frauen für einen Liter Körperpflege-Öl knacken. Während Fremde aus Frankreich, Deutschland und anderen Teilen Marokkos zuschauen.

Touristenguide Nejmedine Choukri schätzt, dass täglich 20 bis 30 Gruppen von Marrakesh aus einen Abstecher ins zweieinhalb Busstunden entfernte Essaouira machen. Auf ihrem Weg liegt die Frauenkooperative Marjana. Von diesen Kooperativen gibt es 2300 im Land, seit Mitte der 90er Jahre. 276 davon nur für Arganöl. Die restlichen produzieren mitunter Ziegenkäse oder Teppiche.

Die Kooperative von Fatima existiert seit 2005, gestartet ist sie mit 25 Frauen. Die älteste Frau, die heute hier arbeitet, ist 80. Sie humpelt dem Ausgang entgegen. Während drei Frauen mit weißen T-Shirts in einem verglasten Raum an der Öl-Presse drehen. Auch hier können fremde Augen mit etwas Abstand das Geschehen verfolgen: Zwei Frauen, die nebeneinandersitzen, werfen geröstete Arganmandeln in einen rotierenden Behälter. Heraus kommt eine braune, zähflüssige Masse. Die dritte Frau rechts daneben presst die zum Klumpen getrocknete Masse zu Öl. Handgepresstes Arganöl. Immaterielles Kulturerbe der Unesco seit 2014. Nicht nur gut für die Haare, sondern auch ein Produkt des sozialen Zusammenhalts.

Weil die marokkanischen Ziegen gerne den Presskuchen verzehren, heißt das Öl im Volksmund auch Ziegenöl. Insider-Häppchen, die Guide Choukri gerne an seine Zuhörer verfüttert. Seit drei Jahren steht der Mann mit Turban häufiger zwischen Ölfläschchen im Shop neben der Produktionshalle. Die Touristen aus „Almanya“, wie Deutschland auf Arabisch heißt, kämen immer öfter. Für vier Euro, der Preis variiert je nach Sorte, kaufen sie hier 250 Milliliter Kosmetik-Öl. Was für die Frauen am Ende übrig bleibt, weiß auch Choukri nicht genau, er schätzt aber: „2000 bis 3000 Dirham im Monat.“ Umgerechnet 200 bis 300 Euro. Der marokkanische Mindestlohn liegt bei knapp 270 Euro.

„Es ist nicht nur der wirtschaftliche Aspekt, der zählt“, schreibt das marokkanische Fremdenverkehrsbüro in Düsseldorf auf SZ-Anfrage. Viele dieser Frauen lebten auf dem Land, benötigten deshalb ohnehin nicht so viel, erklärt Sprecherin Sonja Ludwig.

Diese Beschreibung trifft auch auf die Berberfrau Fatima zu. Gegen Mittag richtet sie sich stöhnend auf, greift nach ihrem dampfenden Kartoffelgericht und zieht sich kurz in einen Nebenraum zurück. Als sie sich unbeobachtet wähnt, streckt sie die Hand aus: „Sag mal, hast du nicht ein bisschen Geld für mich?“