Im rumänischen Bothel sollen im Rahmen von Jugendprojekt Maramures Jugendliche misshandelt worden sein

Jugendprojekt Maramures in Rumänien : Was geschah auf diesem Bauernhof?

Am Jugendhilfe-Projekt Maramures in Rumänien scheiden sich die Geister: Von Prügel und Sklavenarbeit sprechen die einen, von einer Super-Zeit die anderen. Ermittlungen sollen nun Klarheit bringen.

Mit idyllischen Fotos wirbt der niedersächsische Jugendhilfeträger Wildfang für das Projekt Maramures in Rumänien. „Das Geheimnis unserer Arbeit ist ein stets respektvoller und immer klarer Umgang mit den Jugendlichen“, steht auf der Internetseite des in Bothel ansässigen Trägers, der seit Jahren deutsche Teenager aus schwierigen Verhältnissen in die Einrichtung vermittelt. Geführt wird sie von einem deutschen Ehepaar. Seit 29. August liegt ein Schatten über Maramures, schwere Vorwürfe stehen im Raum: Mehrere Jugendliche sollen dort misshandelt worden sein. Die auf organisiertes Verbrechen spezialisierte Staatsanwaltschaft in Bukarest teilte nach einer Razzia mit, die 12- bis 18-Jährigen sollen in dem Heim nahe der ukrainischen Grenze „in Bedingungen wahrhafter Sklaverei“ ausgebeutet worden sein. Der deutsche Projektleiter sowie mehrere Mitarbeiter wurden verhaftet, die Fahnder beschlagnahmten Akten, Computer sowie rund 146 000 Euro. Ermittelt wird wegen Menschenhandels, Handels mit Minderjährigen und illegaler Freiheitsberaubung im Zeitraum von 2014 bis August 2019.

Ein geflohener Jugendlicher hatte Berichten zufolge die Behörden alarmiert. Er wurde mit drei weiteren Teenagern aus Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Hessen vom rumänischen Kinderschutzamt in Obhut genommen. Die Staatsanwaltschaft spricht von Schlägen, Nahrungsentzug und einer Art Isolationshaft. „Wenn wir irgendeinen Fehler machten, wurden wir mit Prügel bedroht und übel verprügelt“, zitiert der NDR aus den Ermittlungsakten. Der Anwalt des festgenommenen Deutschen, Ioan Sas, sagte, es werde geprüft, ob die Aussagen der Jugendlichen glaubhaft seien.

Häufig werden Mädchen und Jungen von den Jugendämtern in Auslandsprojekte gesteckt, wenn Hilfen in Deutschland gescheitert sind. Es können langjährige Schulverweigerer sein, Kinder mit Suchtproblemen oder einer kriminellen Karriere. Voraussetzung ist die Einwilligung der Sorgeberechtigten.

Das Projekt sei mehrfach von rumänischen Kinderschutzbehörden überprüft worden, betont der Träger. Zudem werde es durch kontinuierliche Besuche und Supervisionen aus Deutschland begleitet. Zuletzt waren 23 Jugendliche über Wildfang in Maramures untergebracht, die meisten in Gastfamilien. Fünf von ihnen reisten laut niedersächsischem Sozialministerium nach den Festnahmen freiwillig aus. Die Mehrheit wolle aber bleiben.

Jonelle Kooi wurde zurück nach Deutschland geholt. „Freiwillig wäre ich da nicht weggegangen. Mir hat es super dort gefallen.“ Fast zwei Jahre war die 18-Jährige in dem Projekt. Nach drei Monaten wechselte sie vom Haupthaus in eine Gastfamilie. Von Schlägen oder Sklavenarbeit habe sie nichts mitbekommen, betont Kooi. „Wenn man Holz reintragen muss, ist das keine Sklavenarbeit.“

Kühe melken, Zäune reparieren, Wassereimer schleppen: Es gibt Foto- und Filmreportagen, die schildern, wie die Kinder durch harte Arbeit wieder in die Spur finden. Allerdings gab es schon früher auch Zweifel an dem pädagogischen Konzept.

Der Hof des Paares aus Sachsen-Anhalt stand bereits vor zehn Jahren in der Kritik. „Werden niedersächsische Jugendliche Opfer ‚schwarzer Pädagogik’ und als billige Arbeitskräfte missbraucht?“, fragte die SPD im Landtag von Hannover. Der Landkreis Celle hatte Ende 2009 ein Mädchen aus dem Projekt abgezogen. Dem Kind seien die Haare abrasiert worden – begründet als Behandlung gegen Lausbefall – außerdem habe es in Gruppenberichten beleidigende Äußerungen gegeben.

Werner Freigang, Professor für Pädagogik, Sozialpädagogik, Erziehungs- und Familienhilfen in Neubrandenburg, war seit 2017 achtmal für drei bis sechs Tage in Maramures, teils in Begleitung von Studenten. Ein System der Sklavenarbeit erscheine ihm weit hergeholt, sagt der Wissenschaftler.

Bundesfamilienministerin Franziska Giffey plädiert angesichts der Ermittlungen für schärfere Kontrollen der Auslandsprojekte: „Besonders wichtig ist, dass diese Kontrollen auch direkt im Ausland stattfinden. Die Jugendämter hier in Deutschland müssen sich vor Ort versichern, dass die Träger im Ausland das Wohl der Jugendlichen gewährleisten.“

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