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Im Osten sind die Tüten größer

Im Osten sind die Tüten größer

Lichtentanne. Manche Unterschiede zwischen Ost und West halten sich einfach. Der zur Einschulung beträgt 15 Zentimeter, genauso wie vor der deutschen Einheit. "Im Westen sind die Schultüten 70 und im Osten 85 Zentimeter lang", sagt Klaus Roth. Der Geschäftsführer der Firma Roth Edition im erzgebirgischen Lichtentanne muss es wissen

Lichtentanne. Manche Unterschiede zwischen Ost und West halten sich einfach. Der zur Einschulung beträgt 15 Zentimeter, genauso wie vor der deutschen Einheit. "Im Westen sind die Schultüten 70 und im Osten 85 Zentimeter lang", sagt Klaus Roth. Der Geschäftsführer der Firma Roth Edition im erzgebirgischen Lichtentanne muss es wissen. Sein 40-Mann-Betrieb stellt pro Jahr 600 000 Schultüten her. Eine Hälfte geht in den Ost-Markt, die andere in den West-Markt. Warum es den Größen-Unterschied gibt, weiß Roth nicht. Er weiß nur: "In den alten Ländern wird Schulanfang weniger groß gefeiert." In den neuen ist das anders: Da geht es in großer Gesellschaft meist ins Restaurant. Auf Geschenke verzichten müssen zwar auch West-Schulanfänger nicht. Aber in ihrer Tüte, die auch noch rund ist statt eckig wie die im Osten, gibt es einfach weniger Platz für Präsente.Geschäftsmann Roth hofft darauf, dass sich Einschulungsfeiern auch mehr und mehr in Westdeutschland durchsetzen. Die Rechnung ist einfach: Je größer die Party, umso mehr Gäste kommen, also werden mehr Schultüten verschenkt. "Statistisch gesehen gibt es für jeden Abc-Schützen sieben Schultüten", sagt Roth - und verweist darauf, dass es bundesweit immer noch mehr als 700 000 Schulanfänger gibt. Die Tütenbranche ist kreativ: Jedes Jahr werden auch neue Produkte mit neuen Designs auf den Markt geworfen. "Pink, Pferde, Prinzessinnen - da kann man nichts falsch machen", sagt Firmenchef Roth.Der pensionierte Hamburger Lehrer Hans-Günter Löwe beschäftigt sich seit drei Jahrzehnten mit der Geschichte des ersten Schultags. Den 15-Zentimeter-Unterschied kann aber auch er nicht erklären. Er könne nur vermuten, dass die Hersteller im Osten Deutschlands anders als die im Westen einfach in der Lage waren, etwas größere und eben auch eckige Tüten zu fabrizieren. Löwe zufolge kam der Brauch im 19. Jahrhundert in Sachsen und Thüringen auf. Fabrikmäßig produziert wurden Zuckertüten bereits vor 100 Jahren im Erzgebirge - "um 1910", genau sei das leider nicht zu belegen. Die promovierte Sprachwissenschaftlerin Ruth Geier von der TU Chemnitz weiß zu berichten, dass der Begriff Zuckertüte in den 1960er Jahren in Westdeutschland abgelöst wurde - "aus gesundheitspolitischer Korrektheit".