"Ich kann nicht immer alles haben"

"Ich kann nicht immer alles haben"

Richmond. Antoine ist heute nicht 13, sondern 35 Jahre alt und verheiratet. Er hat Kinder und verdient 4800 Dollar (3450 Euro) monatlich. Der Junge nimmt bei einem Schulausflug in den Freizeitpark "Finance Park" in Richmond im US-Bundesstaat Virginia an einem Bildungsprojekt teil, in dem Jugendliche den Umgang mit Geld lernen

Richmond. Antoine ist heute nicht 13, sondern 35 Jahre alt und verheiratet. Er hat Kinder und verdient 4800 Dollar (3450 Euro) monatlich. Der Junge nimmt bei einem Schulausflug in den Freizeitpark "Finance Park" in Richmond im US-Bundesstaat Virginia an einem Bildungsprojekt teil, in dem Jugendliche den Umgang mit Geld lernen. Plötzlich macht sich Antoine Gedanken darüber, wie er für seine Steuern aufkommen und die Rechnungen bezahlen soll. Das Programm verzeichnet regen Zulauf in den USA, wo die Finanzkrise nicht zuletzt durch das unbekümmerte Leben und Einkaufen auf Pump ausgelöst wurde. "Die meisten Eltern sind nicht im Stande, ihren Kindern beizubringen, wie man mit seinem Geld auskommt", sagt Organisatorin Sherrilyn Stevens vom Verein "Junior Achievement". "Wie wir an unserer Wirtschaft sehen, sind viele von ihnen nicht einmal selbst in der Lage, vernünftige finanzielle Entscheidungen zu treffen." Das Programm von "Junior Achievement", das vom US-Justizministerium und dem Finanzdienstleister Capital One finanziell unterstützt wird, soll eine neue Generation heranbilden, die nicht nur auf Kreditkarte lebt. Dazu gehört ein einmonatiger Intensivkurs an der Schule, der schließlich im Ausflug in den mobilen "Finance Park" gipfelt. In dem wie eine Miniaturstadt gebauten Freizeitpark müssen die Jungen und Mädchen aus einem festgelegten Monatsbudget Ausgaben für Transport, Unterkunft, Nebenkosten und Ausflüge für sich und ihre virtuelle Familie bestreiten. Antoine zeigt sich zunächst unbeeindruckt vom Leben mit begrenztem Budget. "Ich werde bestimmt dieses Haus nehmen, weil es am größten und teuersten aussieht", sagt er beim Immobilienmakler des Finanzparks großspurig. Unter dem gestrengen Blick der Organisatoren und nach kurzem Nachdenken fügt er hinzu: "Ich nehme das größte Haus, das ich mir leisten kann, und dann müsste es klappen." In einem anderen Teil des Parks tippen ein paar Mädchen eifrig auf Taschenrechnern herum. Die 16-jährige Brittany ist erstaunt, wie viel es kosten würde, vier Mal im Monat mit Mann und Kind essen zu gehen. Allmählich geht ihr auf, welche schwierigen Entscheidungen ihre Mutter Tag für Tag treffen muss: "Meine Mutter ist allein erziehend, sie hat es schwer", sagt sie. "Sie muss sich um ihr Auto Sorgen machen, um ihre Rechnungen, Abwasser, Müll und alles. Jetzt weiß ich, wie sich das anfühlt. Und dass ich nicht immer alles haben kann, was ich will." Vielen Schülern werde beim Besuch im "Finance Park" erstmals klar, wie schwierig der Umgang mit Geld sein könne, berichtet Park-Mitarbeiterin Christina Romers. "Sie stöhnen dann: 'Ich will nichts mehr zahlen. Das sind so viele Rechnungen, alles ist so teuer. Muss ich wirklich so viel bezahlen?'" Diesen Schülern machen sie und ihre Kollegen deutlich: "Das ist das Leben, so viel kostet es, und damit müsst ihr zurechtkommen." Für Antoine hat Sherrilyn Stevens schlechte Nachrichten: "Antoine Holmes? Du hast 15 Dollar übrig." Der 13-Jährige ist niedergeschmettert. Er hatte seine Ausgaben reduziert, um Kleider für seine Kinder kaufen zu können. "Ich habe 4000 Dollar", schimpft er. "Und am Ende hatte ich 15 Dollar übrig wegen der Rechnungen und Steuern. Ich war echt sauer." Auf Brittany wartet eine schöne Überraschung: Sie hat diesen Monat 276 Dollar gespart. "Die meisten Eltern sind nicht im Stande, ihren Kindern beizubringen, wie man mit seinem Geld auskommt." OrganisatorinSherrilyn Stevens