Hochprozentiges Risiko

Moskau. Auch mit Eichhörnchen haben sie es schon versucht. Und ein wenig Humor. 56 Sekunden lang torkelt bei Youtube das verwirrte Tier mit roten Augen und zerzaustem Fell durch einen leeren Raum. "Sauft ihr? Dann komme ich zu euch", lallt die digitale Figur am Ende in die Kamera

Moskau. Auch mit Eichhörnchen haben sie es schon versucht. Und ein wenig Humor. 56 Sekunden lang torkelt bei Youtube das verwirrte Tier mit roten Augen und zerzaustem Fell durch einen leeren Raum. "Sauft ihr? Dann komme ich zu euch", lallt die digitale Figur am Ende in die Kamera. "Eichhörnchen aus der Hölle" nannten die Beamten des russischen Gesundheitsministeriums den Clip, den mittlerweile mehr als fünf Millionen Menschen angeklickt haben. Abschreckend wirkt der tierische Säufer nicht.

Russland trinkt gern - und verliert sein Volk. Jeder fünfte Einwohner des Landes stirbt an den Folgen des Alkoholmissbrauchs, weltweit sind es dagegen etwa sechs Prozent, heißt es im jüngsten Bericht der Weltgesundheitsorganisation (WHO). 18 Liter puren Alkohols im Jahr sind viel für einen Menschen. Für Russen ist das allerdings der Schnitt und für den Kreml "alarmierend". Die Deutschen verbrauchen etwa die Hälfte. Nach Angaben des russischen Gesundheitsministeriums leben etwa 2,7 Millionen Alkoholiker im Land, 23 000 Menschen sterben jährlich an akuten Alkoholvergiftungen. Für die niedrige Lebenserwartung der russischen Männer von nur knapp mehr als 60 Jahren soll ebenfalls der Alkohol verantwortlich sein. Als "nationale Katastrophe" bezeichnete es Dmitri Medwedew 2008. Auch der jetzige Staatschef Wladimir Putin verkündet gern, den Alkoholkonsum im Land bis 2020 um die Hälfte reduzieren zu wollen. Selbst, so betont er immer wieder, lässt er die Hände vom Hochprozentigen.

Ab 1. Januar steigt der Preis auf das traditionelle russische "Wässerchen" nun um rund ein Drittel an. Damit soll die billigste Halbliterflasche 170 Rubel kosten, das sind umgerechnet etwa 4,20 Euro. Bisher lag der Preis bei 125 Rubel. Auch Brandy und Cognac werden teurer. Bereits in den 80er Jahren hatte Michail Gorbatschow, der Perestroika-Mann, mit dem "Trockenen Gesetz" dem Wodka und seinen großen Liebhabern einen regelrechten Großkampf angesagt. Der einstige Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Sowjetunion ließ Alkoholgeschäfte und Wodkafabriken schließen, verbot Alkohol bei Empfängen in den sowjetischen Botschaften im Ausland und ließ Bulldozer über Weinberge fahren. Gebracht hat es wenig.

Legal werden in Russland mehr als eine Milliarde Liter Wodka im Jahr in lizenzierten Unternehmen produziert. Wie viel es illegal sind, weiß niemand. Doch vor allem der "Samogon", der Selbstgebrannte, besonders wenn er in großen Mengen hergestellt wird, sorgt immer wieder für die "toxische Gelbsucht", wie Ärzte Vergiftungen mit gepanschtem Alkohol nennen. Häufig wird der Fusel aus Alkohol, Industriealkohol und Wasser von Lastwagen für umgerechnet nicht einmal einen Euro verkauft.

Katerstimmung bei Wodka-Liebhabern: Harter Alkohol kostet in Russland ab Januar ein Drittel mehr. Foto: dpa.

"Seit 1987 hat der Alkohol knapp drei Millionen Russen das Leben gekostet. Dieser Verlust ist ähnlich hoch wie in einem Krieg", sagt David Saridse, Leiter des russischen Krebsforschungszentrums. Da haben es auch lallende Eichhörnchen im Internet schwer.