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Harvey Weinstein zeigt sich im Vergewaltigungsprozess von bisher unbekannter Seite

Wenn das Auftreten den Gerichtsprozess mitentscheidet. : Harvey Weinstein gibt sich als Greis

Der Ex-Filmmogul war als Tyrann in Hollywood gefürchtet. Dann kam „MeToo“. Jetzt, in seinem Vergewaltigungsprozess, zeigt er sich anders.

Nach den intensiven Auftaktplädoyers im Vergewaltigungsprozess gegen den früheren Hollywood-Mogul Harvey Weinstein wurde die Verhandlung am Donnerstag fortgeführt. Noch am Mittwoch lieferten sich Anklage und Verteidigung vor Gericht einen harten Schlagabtausch. Die Staatsanwaltschaft bezeichnete den 67-jährigen Weinstein als „Sexualstraftäter und Vergewaltiger“. Weinsteins Team griff die Glaubwürdigkeit der Zeuginnen an. Für Aufregung sorgte zudem ein Foto, das die Staatsanwaltschaft präsentierte. Es zeigt Weinstein mit dem ehemaligen US-Präsidenten Bill Clinton. „Präsident Clinton hat überhaupt nichts mit dem diesem Fall zu tun“, schimpfte Anwalt Arthur Aidala. Er vermutete, dass die Anklage die Jury damit an Clintons Impeachment-Verfahren wegen einer sexuell unangebrachten Beziehung erinnern wollte. Staatsanwältin Joan Illuzzi-Orbon erklärte, dass Clinton für den Prozess sehr wohl eine Rolle spiele, weil Weinstein seine gute Beziehung zu dem Politiker als Mittel der Einschüchterung gegenüber einer Frau benutzt habe. In dem Prozess geht es vor allem um Vorwürfe von zwei Frauen: Weinstein soll die Produktionsassistentin Mimi Haleyi im Jahr 2006 zum Oral-Sex gezwungen haben, eine andere Frau soll er 2013 vergewaltigt haben. Bei einer Verurteilung droht ihm lebenslange Haft.

Auf seinen Rollator hat Harvey Weinstein an diesem Mittwoch verzichtet. Gestützt auf einen Mitarbeiter humpelt er in den Gerichtssaal 1530. In den vergangenen Wochen hingegen war er stets tief gebückt über seine Gehhilfe ins Oberste New Yorker Gericht gekommen. Es ist die Wandlung Weinsteins – einst von Geschäftspartnern als tobender Tyrann gefürchtet – die in den ersten Tagen seines Prozesses für Spekulationen sorgt. Seine Gegner reden von einer Masche, um die Sympathie der Jury zu gewinnen. Seine Verteidigung bestreitet das, ein Autounfall habe eine Wirbelsäulen-OP nötig gemacht. Vor Gericht jedenfalls erscheint kein aggressiver Mann auf der Höhe seiner Macht, sondern ein aschfahler, gebrochener Greis. Das Urteil über Weinstein wird auch davon abhängen, welche Person die Geschworenen in ihm sehen.

Staatsanwältin Meghan Hast bezeichnet Weinstein am Tag der Eröffnungsplädoyers am Mittwoch als „Vergewaltiger“ und schildert, wie der heute 67-Jährige Frauen gejagt, sich auf sie gedrückt, ihre Hände mit all seiner Kraft festgehalten, sich an ihnen befriedigt haben soll. Weinstein-Anwalt Damon Cheronis hält dagegen: „Alles, was Frau Hast ihnen gerade erzählt hat, sind keine Beweise. Sie war nicht da“. Dann zeigt er Mails, die darlegen sollen, dass Frauen auch nach den mutmaßlichen Taten noch Zuneigung zu Weinstein gezeigt hätten. In einer steht demnach: „Ich liebe Dich“.

Weinstein hört schweigend zu, bei der Rede von Cheronis hellt sich seine von tiefen Furchen durchzogene Miene auf. Doch er bleibt ruhig und ernst. Zwölf Geschworene und ihre Ersatzjuroren haben auf der rechten Seite Platz genommen. Zuerst fallen drei ältere weiße Männer in der ersten Reihe auf. Die Anklage hatte der Verteidigung bei der Auswahl der Geschworenen vorgeworfen, junge Frauen aus der Jury ausschließen zu wollen. Doch nun sind es diese fünf Frauen und sieben Männer, die über Schuld oder Unschuld bestimmen.

Wie tief der Fall Weinstein in die US-Gesellschaft reicht, zeigte auch die Auswahl der Juroren. Reihenweise erklärten sich potenzielle Geschworene für befangen und sagten, sie könnten nicht unparteiisch sein. Jene, die nun neben Richter James Burke sitzen, dürfen nur nach den präsentierten Beweisen urteilen. Und nur nach diesen. Das scheint fast unvorstellbar nach zwei Jahren MeToo-Umwälzungen, nach Dutzenden markerschütternden Aussagen von Frauen gegen Weinstein, nach allgegenwärtiger öffentlicher Debatte, in Familien und Unternehmen bis hin zu Regierungen.

Von ihren Plätzen hat die Jury einen guten Blick auf den Angeklagten, dessen Rollator mittlerweile wieder hinter ihm steht. Er simuliere nicht, hatte Weinstein neulich betont. Gegenüber der New York Times gab er sich demütig, er habe „Möglichkeit zur Selbstreflexion“ gehabt und eine spirituelle Verbindung gefunden. Er sprach von der „Macht, verletzlich zu sein“ und einer Therapie gegen Sexsucht. Er beharrt er darauf, dass seine sexuellen Kontakte einvernehmlich gewesen seien und sieht sich als Opfer. Ein mit Weinstein befreundeter Anwalt meinte zuletzt, der auf Kaution freie Ex-Filmmogul habe große Angst vor lebenslanger Haft. In dem Prozess geht es für Weinstein um alles.

Die Wissenschaft hat den Einfluss von Mitleid auf Jurys immer wieder nachgewiesen. Die Staatsanwälte wollen Weinsteins Erscheinung dabei entgegenwirken. Hauptanklägerin Joan Illuzi-Orbon deutet auf ihn und sagt: „Das ist nicht der Mann, den die Opfer kennengelernt haben“. Es scheinen fast zwei verschiedene Personen zu sein, um die es in Saal 1530 geht – die Extreme pendeln zwischen Monster und Opfer. Am Ende des aufreibenden Sitzungstages schleicht Weinstein wieder mit seinem Rollator aus dem Gebäude. Etliche Kameras verfolgen jeden zittrigen Schritt. Und vielleicht werden sich auch manche fragen, warum ein Multimillionär auf eine Standard-Gehhilfe mit aufgeschnittenen Tennisbällen an den Füßen angewiesen ist.