Gunter Sachs' Tod rührt an ein Tabu

Bonn. "Der Verlust der geistigen Kontrolle über mein Leben wäre ein würdeloser Zustand, dem ich mich entschlossen habe, entschieden entgegenzutreten." Es sind Worte, die nach Tatkraft in einer aussichtslos erscheinenden Lage klingen sollen. Und die doch - zumindest zwischen den Zeilen - die Not des Verfassers erahnen lassen

Bonn. "Der Verlust der geistigen Kontrolle über mein Leben wäre ein würdeloser Zustand, dem ich mich entschlossen habe, entschieden entgegenzutreten." Es sind Worte, die nach Tatkraft in einer aussichtslos erscheinenden Lage klingen sollen. Und die doch - zumindest zwischen den Zeilen - die Not des Verfassers erahnen lassen. Geschrieben hat sie der Künstler und Industriellenerbe Gunter Sachs (Foto: dpa) - bevor er sich am vergangenen Wochenende im Alter von 78 Jahren erschoss.Natürlich ist da der Gegensatz zwischen dem schillernden Image des Lebemanns und dem radikalen Entschluss, seinem Dasein mit eigener Hand ein Ende zu setzen. Aber zugleich, so scheint es, rüttelt die Tat von Sachs an einem Tabuthema der modernen Gesellschaft: dem Umgang mit Krankheit, Alter und Tod. Sachs litt offenbar an Alzheimer. Der drohende Verlust seiner geistigen Fähigkeiten galt ihm "schon immer als einziges Kriterium, meinem Leben ein Ende zu setzen", schreibt er in seinem Abschiedsbrief.

Eine Haltung, der Patientenorganisationen wie die Deutsche Alzheimer-Gesellschaft mit Öffentlichkeitsarbeit und Therapieangeboten entgegentreten wollen. Natürlich sei die Diagnose Alzheimer ein Schock und löse tiefe Ängste bei den Betroffenen und ihren Familien aus, betont die Vorsitzende Heike von Lützau-Hohlbein. Aber Erfahrungen etwa in Selbsthilfegruppen zeigten, dass auch mit Demenz ein "lebenswertes Leben" möglich sei.

Warum aber greifen trotzdem manche Ältere und Kranke zu dem letzten aller denkbaren Mittel, der Selbsttötung? Für den Stuttgarter Psychotherapeuten Hans Wedler ist Sachs kein Einzelfall. Der Herausgeber der Zeitschrift "Suizidprophylaxe" der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention verweist auf Zahlen des Statistischen Bundesamtes. Demnach liegen die Suizid-Raten bei älteren Menschen um circa 60 Prozent über denen der Gesamtbevölkerung. Gab es im Jahr 2009 unter der Gesamtbevölkerung knapp zwölf Suizide pro 100 000 Einwohner, stieg dieser Wert bei den über 60-Jährigen auf 18,6. Auch wenn die Gründe für einen Freitod unterschiedlich seien, führt der Experte das Phänomen auf einen tiefgreifenden Wandel in nahezu allen Lebensbereichen zurück.

So steige der Anteil von alten Menschen kontinuierlich, was mit einer Zunahme von Demenz- und anderen schweren Krankheiten einhergehe. Zugleich böten sich Medizinern immer mehr Möglichkeiten, den Sterbevorgang hinauszuzögern. Das löse oft eher Angst statt Zuversicht aus. Hinzu komme: Bei vielen Menschen stehe inzwischen die Wahrung der persönlichen Freiheit höher im Kurs als die soziale Fürsorgepflicht.

Im Christentum galt der Freitod lange Zeit als kapitales Verbrechen, als "Selbstmord". Heute fällt das Urteil weniger harsch aus, wie der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Nikolaus Schneider, betont. Die Frage laute vielmehr: "Wo haben wir es nicht geschafft, ihn oder sie zu halten?"