Freispruch oder Haft?

Mannheim. Selten war ein Strafprozess in den vergangenen Jahren mit soviel Aufmerksamkeit verfolgt worden: Gut acht Monate verhandelte das Landgericht Mannheim gegen den Schweizer Wettermoderator Jörg Kachelmann (52, Foto: dapd) wegen des Vorwurfs, seine frühere Freundin vergewaltigt zu haben

Mannheim. Selten war ein Strafprozess in den vergangenen Jahren mit soviel Aufmerksamkeit verfolgt worden: Gut acht Monate verhandelte das Landgericht Mannheim gegen den Schweizer Wettermoderator Jörg Kachelmann (52, Foto: dapd) wegen des Vorwurfs, seine frühere Freundin vergewaltigt zu haben. Heute, nach 43 Verhandlungstagen, soll der Vorsitzende Richter Michael Seidling das Urteil verkünden. Doch was in jener Nacht des 8. Februar 2010 wirklich geschah, dürfte auch nach dem Richterspruch Gegenstand von Spekulationen bleiben. Selbst die Staatsanwaltschaft und der Anwalt des mutmaßlichen Opfers räumten ein, dass alle Indizien jeweils einzeln betrachtet genauso für einen Schuldspruch wie für einen Freispruch gewertet werden könnten.Dass die Öffentlichkeit über weite Strecken von der Beweisaufnahme ausgeschlossen worden war, um die Intimsphäre des Angeklagten, seiner 38-jährigen Ex-Freundin und zahlreicher früherer Kachelmann-Geliebten zu schützen, wird es nicht einfacher machen, das Urteil des Mannheimer Gerichts nachvollziehen zu können.

Wie sehr jedes einzelne Indiz gegen oder für den Wettermoderator interpretiert werden kann, zeigte sich bei den Plädoyers etwa am Beispiel des kleinen Küchenmessers, das Kachelmann seiner Ex-Freundin in jener Nacht während der angeblichen Tat an den Hals gedrückt haben soll. An dem Messer mit geriffelter Klinge fanden sich aber viel zu wenige Hautpartikel der Frau, um ihre Behauptung zu stützen. Weil sie lügt, sagte die Verteidigung und plädierte auf Freispruch. Für die Anklage ist das kein Argument. Kachelmann könnte das Messer nach der Tat einfach abgewischt haben, mutmaßten die Staatsanwälte und forderten vier Jahre und drei Monate Haft für Kachelmann. Hat ein Gericht in einer Gesamtschau aller Beweise und Indizien noch letzte Zweifel an der Schuld eines Angeklagten und steht weiterhin Aussage gegen Aussage, muss es ihn nach dem Grundsatz "in dubio pro reo", also "im Zweifel für den Angeklagten", freisprechen.

Auf den aktuellen Fall übertragen bedeutete solch ein Freispruch zweiter Klasse aber wohl auch, dass Kachelmann und seine Ex-Freundin weiterhin Mutmaßungen zu ihrer Schuld und Unschuld werden erdulden müssen.afp