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Fliegende Spätzle und steigende Mieten

Fliegende Spätzle und steigende Mieten

Berlin. In einer Ritze des Denkmals der Berliner Künstlerin Käthe Kollwitz steckt noch ein einsames Spätzle. "Käthe Kollwitz mit Spätzle zu bewerfen, finde ich unmöglich. Sie steht nicht für reiche Zugezogene, gegen die sich diese Aktion wohl richten sollte" meint Ferdinand, der in der Nähe des Kollwitz-Platzes zur Grundschule ging

Berlin. In einer Ritze des Denkmals der Berliner Künstlerin Käthe Kollwitz steckt noch ein einsames Spätzle. "Käthe Kollwitz mit Spätzle zu bewerfen, finde ich unmöglich. Sie steht nicht für reiche Zugezogene, gegen die sich diese Aktion wohl richten sollte" meint Ferdinand, der in der Nähe des Kollwitz-Platzes zur Grundschule ging. Der 21-Jährige lebt nun nicht mehr im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg sondern in Hohenschönhausen. "Aber die Erhöhung der Mieten, die nicht so gut Verdienende zwingt, in Außenbezirke zu ziehen, stört mich stark."

Inzwischen haben Anwohner der Statue eine goldene Krone aufgesetzt und Blumen aufgestellt. "Die Rosen sollen ein Zeichen sein, dass hier nicht nur Spätzleesser und -werfer wohnen, sondern auch Anwohner, die wissen, wofür Käthe Kollwitz steht", scheib eine Anwohnerin auf der Karte.

Unbekannte hatten das Denkmal für die von den Nationalsozialisten verfolgte Grafikerin und Bildhauerin in der vergangenen Woche mit Spätzle beworfen. Eine Replik auf den Ex-Bundestagspräsidenten und Anwohner Wolfgang Thierse (SPD), der die Schwaben aufgefordert hatte, sich besser an das Berliner Leben anzupassen?

In jedem Fall hat die Spätzle-Attacke Freunde des Käthe-Kollwitz-Museums auf den Plan gerufen. Der Verein habe einen Protestbrief an den Pankower Bezirksbürgermeister Matthias Köhne (SPD) geschickt, sagte Vizevorsitzende Gudrun Fritsch gestern. "Die lokalen Dissonanzen zwischen Schwaben und alteingesessenen Berlinern sind eine kleinkarierte Haustürfehde", heißt es in einem Vereins-Schreiben.

Im Kiez indes sind sich viele nicht so sicher, ob die Spätzle-Attacke wirklich auf das Konto der Süddeutschen geht oder sich eher gegen diese richten soll. Denn die Schwaben, die man leichter als andere Zugezogene an ihrem Dialekt erkennt, stehen nur stellvertretend für einen grundlegenden Wandel im Viertel. "Im Grunde geht es um eine soziale Frage, die Erhöhung der Mieten und die Veränderungen, die im Kiez dadurch stattfinden, die sich im Schwabenhass ausdrückt", meint auch Bianca, die am Kollwitz-Platz in einer Kneipe kellnert. Doch die 25-jährige Berlinerin fügt hinzu: "Es ist eine Anpassungsfrage. Wenn wir in Bayern sind, müssen wir auch Semmeln sagen und nicht Schrippen."

Auf einer neuen Internetseite "Free Schwabylon" bekennen sich angebliche Schwaben zu der Spätzle-Aktion. Augenzwinkernd fordern sie ein Ende ihrer Diskriminierung: "Lange genug hat die schwäbische Bevölkerung Berlins unter Fremdherrschaft und Diskriminierung gelebt. Lange genug mussten sie ihre Weckle als "Schrippen" kaufen und ihre Fleischküchle als "Buletten". Ihre Klage gipfelt in der Forderung nach einem autonomen Bezirk "Schwabylon" rund um den Kollwitz-Platz und die Ausweisung von Thierse.

Philipp Strube, Gründer des beliebten Wochenmarkts am Kollwitz-Platz, sitzt trotz der Kälte auf der Terrasse der Kneipe "Kollwitz 25" und raucht. "Um Gottes Willen nicht mit Berlinern alleine sein", antwortet er auf die Frage, ob die schwäbische Bevölkerung Überhand ergreife. Sein Markt wird mitunter auch "Schwabenmarkt" genannt. Strube stört dies nicht. "So viele Schwaben gibt es hier gar nicht. Persönlich kenne ich keinen einzigen."