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Ein Kind stirbt - und keiner hilft

Ein Kind stirbt - und keiner hilft

Peking. Ein zweijähriges Unfallopfer, dessen Schicksal eine heftige Debatte über den Moralverfall in China ausgelöst hat, ist an seinen schweren Verletzungen gestorben. Das kleine Kind war in Foshan (Provinz Guangdong) nacheinander von zwei Autos überrollt und blutend auf der Straße liegend von 18 Passanten und Zweiradfahrern ignoriert worden

Peking. Ein zweijähriges Unfallopfer, dessen Schicksal eine heftige Debatte über den Moralverfall in China ausgelöst hat, ist an seinen schweren Verletzungen gestorben. Das kleine Kind war in Foshan (Provinz Guangdong) nacheinander von zwei Autos überrollt und blutend auf der Straße liegend von 18 Passanten und Zweiradfahrern ignoriert worden. Erst eine arme Müllsammlerin kam dem Mädchen schließlich zur Hilfe und alarmierte die Mutter. Eine Woche kämpften die Ärzte im Militärhospital von Guangzhou (Kanton) in Südchina um ihr Leben, doch Yue Yue starb gestern an ihren schweren Hirnverletzungen.Ihr Tod löste erneut Millionen von Kommentaren in den "Weibo" genannten chinesischen Mikroblogs aus, in denen das mangelnde Mitgefühl der Passanten angeprangert wurde. Die Debatte ist keineswegs neu, weil es schon früher ähnliche Fälle unterlassener Hilfeleistung gegeben hat. Im September starb ein 88-Jähriger auf der Straße, nachdem er zusammengebrochen war und niemand ihm geholfen hatte. Blut aus seiner Nase hatte seine Atemwege verstopft. Den Mangel an Zivilcourage erklären einige Chinesen auch mit der Angst, für ein Eingreifen verantwortlich gemacht zu werden.

Bekannt ist der Fall eines jungen Mannes, der 2006 einer älteren Frau nach einem Sturz geholfen und sie ins Krankenhaus gebracht hatte. Die Frau beschuldigte ihren Retter später, den Sturz verursacht zu haben. Ein Gericht gab ihr sogar Recht. Der Mann hätte ihr ja nicht geholfen und die Aufnahmegebühr im Hospital beglichen, wenn er nicht schuldig gewesen wäre, fand das Gericht. Doch meinten Kommentatoren, solche Argumente dürften keine Entschuldigung sein. "In dem moralischen Rahmen der chinesischen Gesellschaft sind Risse erkennbar", kommentierte die englischsprachige Zeitung "Global Times". In einer Umfrage hätten zwölf Prozent geäußert, dass sie das schwer verletzte Kind auch ignoriert hätten. "Eine Gesellschaft, die völlig von den Gesetzen des Dschungels dominiert wird, kann nicht großes Wachstum und Wohlstand erreichen", schrieb das Blatt und empörte sich über die Fahrerflucht und die Ignoranz der 18 Passanten: "Das ist der Moralverfall, der in unserer Nation existiert." Skrupellos blühe die Selbstsüchtigkeit in China, beklagte der Kommentator. "Viele fragen: Was läuft mit China falsch?" Der kommunistische Parteichef von Guangdong, Politbüromitglied Wang Yang, sprach von einem "Weckruf" für die Gesellschaft. "Wir sollten mit Gewissensbissen in die Hässlichkeit in uns selbst blicken." Die Polizei hat inzwischen die beiden flüchtigen Fahrer festgenommen.

Längst ist der Begriff "18 Passanten" zum Synonym für kaltherzige Menschen geworden. In der Diskussion wurde der chinesische Dichter Lu Xun mit einem Zitat von 1933 zitiert: "In China, insbesondere in den Städten, wenn jemand auf der Straße ohnmächtig wird oder jemand von einem Fahrzeug umgefahren wird, lassen sich viele Schaulustige und Gaffer finden, aber selten jemand, der bereit ist, seine helfende Hand auszustrecken."