Ein Dorf versinkt im Medienrummel

Ein Dorf versinkt im Medienrummel

Genf. Leserbriefschreiber und Blogger in der Schweiz sind sich weitgehend einig: Dass der prominente Regisseur Roman Polanski seine Gefängniszelle mit dem Luxus seines teuren Chalets im Schnee tauschen kann, sei schon ungerecht. Kleinen Gaunern bleibe so etwas verwehrt

Genf. Leserbriefschreiber und Blogger in der Schweiz sind sich weitgehend einig: Dass der prominente Regisseur Roman Polanski seine Gefängniszelle mit dem Luxus seines teuren Chalets im Schnee tauschen kann, sei schon ungerecht. Kleinen Gaunern bleibe so etwas verwehrt. In Gstaad selbst, wo Polanski wegen seiner häufigen Aufenthalte bekannt ist, hoffte man gestern nur noch, dass der Rummel endlich aufhört. Seit Tagen haben Dutzende von Journalisten und Kamerateams nicht nur das Haus, sondern auch die autofreien Straßen des Prominentenortes besetzt und immer wieder dieselben Fragen gestellt. Die Stimmung im Dorf sei nicht schlecht, meinte Bürgermeister Aldo Kropf. "Aber wir sind doch froh, wenn man sich wieder frei bewegen kann." Nun ist Polanski also im Hausarrest - und es kann Wochen dauern, bis über seine Auslieferung an die USA entschieden ist. Dort soll sich der 76-Jährige wegen der Vergewaltigung einer Minderjährigen verantworten. Einem Gerichtsurteil für das ins Jahr 1977 zurückreichende Verbrechen hatte er sich durch die Flucht aus den USA entzogen. Geht es nach ihm, so kehrt er auch nicht in die USA zurück, wo ihm zwei Jahre Gefängnis drohen. Da ist es trotz elektronischer Fußfessel im Chalet auf 1000 Meter Höhe schon gemütlicher. Die Familie mit Ehefrau Emmanuelle Seignier war schon da, als Polanski in einer Limousine vorfuhr. Im eigentlich diskreten Gstaad, wo Prominente wie Roger Moore oder Liz Taylor unbehelligt ihren Alltag leben können, wird jetzt nur erwartet, dass der Journalistenpulk wieder abzieht. Haben sich in den vergangenen Tagen Polanskis Nachbarn noch rührend um die frierenden Medienleute gekümmert, so empfinden sie diese Art Besuch inzwischen als lästig. Polanski kann fortan praktisch machen, was er will - nur sein Grundstück verlassen darf er nicht. Die Justiz interessiert nicht, mit wem er telefoniert oder wem er E-Mails schreibt. Und so könnte er auch Interviews geben und versuchen, sein durch die Verhaftung im September angeschlagenes Image aufzubessern. Abnehmer würde er sicher finden. Allein die Summen, die für ein aktuelles Foto von ihm gezahlt würden, sind nach Auskünften aus Journalistenkreisen astronomisch. Als er gestern Mittag in sein Chalet gebracht wurde, wollen ihn einige kurz gesehen haben. Polanski hat schon jetzt Schweizer Geschichte geschrieben. Er ist der erste Häftling, der mit einer elektronischen Fessel in einen Hausarrest darf. Reißt er das Überwachungsband ab oder versucht er gar zu verschwinden, dann ist der Schweizer Staat umgerechnet drei Millionen Euro reicher. So hoch war die Kaution, die Polanski angeblich über die Verpfändung seiner Pariser Wohnung aufgebracht hat.