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Dieter Krombach beteuert seine Unschuld

Dieter Krombach beteuert seine Unschuld

Paris. Es sei eine "Erfindung", dass er seiner Stieftochter Kalinka vor 30 Jahren eine Spritze mit tödlicher Wirkung verabreicht haben soll, um sie zu vergewaltigen, erklärte Dieter Krombach gestern vor einem Berufungsgericht im Pariser Vorort Créteil

Paris. Es sei eine "Erfindung", dass er seiner Stieftochter Kalinka vor 30 Jahren eine Spritze mit tödlicher Wirkung verabreicht haben soll, um sie zu vergewaltigen, erklärte Dieter Krombach gestern vor einem Berufungsgericht im Pariser Vorort Créteil. Das ist der Vorwurf, der ihm in erster Instanz eine Verurteilung zu 15 Jahren Haft eingebracht hat, gegen die er Widerspruch einlegte. Zum gestrigen Auftakt der Verhandlung, die bis zum 14. Dezember dauert, nannte sich der 77-jährige Arzt aus Lindau erneut unschuldig. In ihrem Urteil vor einem Jahr hatten es die Pariser Richter als erwiesen angesehen, dass der Kardiologe Krombach im Juli 1982 der 14-jährigen Tochter seiner französischen Frau nachts eine Injektion verabreicht hatte, um sich an ihr zu vergehen. Eine gezielte Ermordung sahen sie nicht. Kalinka war an einem Morgen tot in ihrem Bett gefunden worden, mit zahlreichen Einstichen an den Armen und - wie später im Obduktionsbericht vermerkt, aber von den Ermittlern nicht weiter verfolgt wurde - einer Vaginalverletzung.Die Jugendliche war wohl in der Nacht kollabiert und an ihrem eigenen Erbrochenen erstickt - entweder infolge einer hohen Dosis an Schlafmitteln oder einer Kombination aus Schlafmitteln mit einem Schock, wie es eine Vergewaltigung ist. Dieses Szenario erschien den Sachverständigen beim ersten Prozess am wahrscheinlichsten; zahlreiche Lücken im Obduktionsbericht ließen dennoch Unklarheiten. Nun sind erneut Anhörungen von Experten und Psychologen geplant, sowie von früheren Bekanntschaften Krombachs, der als Lebemann und Frauenheld galt. Mehrere Frauen werfen ihm vor, sie in jungem Alter missbraucht zu haben; 1997 wurde er wegen sexuellem Missbrauch einer 16-jährigen Patientin in seiner Arztpraxis, die er zuvor narkotisiert hatte, zu einer zweijährigen Bewährungsstrafe verurteilt. Krombach verteidigte sich, sie habe eingewilligt. Gestern sprach er über seine "sehr guten Beziehungen" mit der 14-jährigen Kalinka: Eine Woche vor ihrem Tod habe sie noch in einem Schulaufsatz geschrieben, sie verstehe sich sehr gut mit dem neuen Mann ihrer Mutter.

Krombachs Anwälte wollen die Nichtigkeit des Prozesses erreichen, der "illegal" sei. Denn er konnte nur vor dem Hintergrund eines Aktes der Selbstjustiz stattfinden: Kalinkas leiblicher Vater André Bamberski, der Krombach stets für ihren Mörder hielt, hatte nach der Einstellung der Ermittlungen aus Mangel an Beweisen durch die deutschen Behörden einen ersten Prozess in Frankreich angestrengt, der bereits 1995 zu einer Verurteilung Krombachs zu 15 Jahren Gefängnis führte. Da ihn Deutschland nicht auslieferte, ließ ihn Bamberski 2009 nach Frankreich entführen - dafür erwartet ihn selbst ein Prozess. Seither sitzt der körperlich geschwächte ehemalige Arzt in Haft. Der Berufungsprozess ist seine letzte Chance auf Freilassung.

Hintergrund

Chronologie des Falls Kalinka:

10.7. 1982: Kalinka Bamberski wird tot im Haus des Arztes Dieter Krombach aufgefunden.

1986: Die Staatsanwaltschaft Kempten stellt ihre Ermittlungen gegen Krombach mangels ausreichenden Tatverdachts ein.

1995: Das Schwurgericht in Paris verurteilt Krombach in Abwesenheit wegen Gewalttätigkeit mit fahrlässiger Tötung zu einer Gefängnisstrafe von 15 Jahren.

1997: Krombach wird wegen sexuellen Missbrauchs einer 16-jährigen Patientin zu zwei Jahren auf Bewährung verurteilt und verliert seine Zulassung.

2004: Die französische Justiz beantragt Krombachs Auslieferung. Sie wird im April 2005 abgelehnt.

18.10.2009: Krombach wird gefesselt vor einem Justizgebäude im elsässischen Mühlhausen aufgefunden. Er kommt in Polizeigewahrsam.

29.03.2011: Beginn des neu aufgerollten Prozesses gegen Krombach. 23.10.2011: Krombach wird wegen Tötung seiner Stieftochter zu 15 Jahren Haft verurteilt.

27.11.2012: Beginn des Berufungsprozesses in Créteil. hol