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Die "Shopping-Schweizer" kommen

Die "Shopping-Schweizer" kommen

Zürich. Es kann nur ein Zufall sein. Denn welcher deutsche Politiker würde seinen Schweiz-Besuch bewusst auf so ein Datum legen? Vor 100 Jahren - vom 3. bis 5. September 1912 - wurde Kaiser Wilhelm II. in der Alpenrepublik "mit Ehrfurcht und warmer Sympathie begrüßt", wie die "Neue Zürcher Zeitung" (NZZ) damals formulierte. Nun reist am 5

Zürich. Es kann nur ein Zufall sein. Denn welcher deutsche Politiker würde seinen Schweiz-Besuch bewusst auf so ein Datum legen? Vor 100 Jahren - vom 3. bis 5. September 1912 - wurde Kaiser Wilhelm II. in der Alpenrepublik "mit Ehrfurcht und warmer Sympathie begrüßt", wie die "Neue Zürcher Zeitung" (NZZ) damals formulierte. Nun reist am 5. September Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann in die Schweiz. Von Sympathie für "de Schwoobe", wie Deutsche in der Schweiz gern mal etwas abfällig genannt werden, ist auch kaum die Rede.Unüberhörbar knirscht es im deutsch-schweizerischen Verhältnis. Was Schweizer ärgert, ist der arrogante Ton - wenn etwa SPD-Chef Sigmar Gabriel ihren Banken "organisierte Kriminalität" unterstellt. So sehr solche Rassel-Rhetorik die Beziehungen zwischen Bern und Berlin belasten mag, das Verhältnis zwischen Schweizern und Deutschen entlang der gemeinsamen Grenze wird im Alltag von anderen Faktoren bestimmt: Die Schwäche des Euro etwa - oder besser die Stärke des Franken treibt dort teils bemerkenswerte Blüten.

"Hinter der Grenze geht die Post ab", titelte die "Basler Zeitung". Paket-Adressen-Dienste sind auf deutscher Seite wie Pilze aus dem Boden geschossen. Wenn Schweizer per Internet im Ausland einkaufen und sich die Ware zuschicken lassen, knöpft ihnen ihre Post als Vollstrecker des Zolls erhebliche Gebühren ab. Das schmälert die Ersparnis bei Einkäufen in der EU, wo für Besitzer des wegen der Eurokrise rekordstarken Franken vieles verlockend billig ist. Tausende Schweizer lassen sich deshalb Autoersatzteile, Fahrräder oder Kosmetika an einen Adressen-Dienst auf deutscher Seite liefern. Dort zahlen sie zwei oder drei Euro Lagergebühr - und bringen die Sachen dann selbst im Auto über die Grenze. Auch etliche andere Unternehmen im Grenzgebiet profitieren von der Eurokrise. "Shopping im Ausland ist für Schweizer zum Volkssport geworden", schrieb die Zeitung "20 Minuten". Nicht nur, dass bei einem Kurs von 1,20 Franken pro Euro (einst waren es 1,60) fast alles billiger ist als daheim. Schweizer bekommen von den Händlern zusätzlich die deutsche Mehrwertsteuer zurück, ganz legal. Für ein Paar Jeans, die in Konstanz 90 Euro kosten, muss eine Schweizerin so nur 72 Euro berappen. In Zürich würde sie 120 Euro hinlegen. "Schweizer kommen zum Shoppen her und Deutsche fahren zum Jobben hin", sagt ein Grenzgänger aus dem badischen Singen. Im nahen Schaffhausen verdient der 55-Jährige in einer Werkstatt gutes Geld. "Der Lohn ist höher, und der Arbeitsstress geringer." Dass Zehntausende beim Nachbarn ihren Lebensunterhalt verdienen, entlastet Arbeitsmarkt und Sozialkassen in Baden-Württemberg. Heute leben in Zürich rund 32 000 Deutsche. Insgesamt sind es in der Schweiz derzeit rund 280 000 Deutsche - mehr als doppelt so viele wie vor zehn Jahren.

Manche Schweizer beklagen die "Schwooben-Schwemme". Mehr als ein Drittel der Teilnehmer einer Umfrage der Zeitung "Blick" fand im Mai die Forderung der konservativen Politikerin Natalie Rickli gut, den Zustrom von Deutschen zu drosseln. Sofort protestierten Unternehmer: Die Schweiz sei auf deutsche "Jobnomaden" angewiesen. Ausgerechnet die konservative Schweizer "Weltwoche" setzte noch eins drauf: Hinter dem Unbehagen Deutschen gegenüber stecke eine "ungemütliche" Erkenntnis: "Auf dem Arbeitsmarkt übertreffen viele Deutsche die Schweizer. Weil sie besser und produktiver arbeiten."