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Die Niederlande führen ein Tempolimit von 100 kmh ein

4000 neue Verkehrszeichen : Die Niederlande führen Tempo 100 ein

Auf den Autobahnen des Nachbarlandes gilt künftig ein neues Geschwindigkeitslimit – der Umwelt zuliebe.

Nach der Grenze auf die Bremse. An allen Autobahnen der Niederlande werden seit Donnerstag Schilder aufgestellt oder von Abdeckungen befreit, die mit einer Zahl im roten Kreis ein neues Gebot verkünden: Nicht mehr als Tempo 100. Darunter informiert ein zusätzlicher Hinweis, dass das Limit lediglich tagsüber gilt. Von 19 Uhr abends bis 6 Uhr am Morgen bleibt alles beim Alten, also bei 120 oder – auf etwa der Hälfte aller Strecken – 130 Kilometer pro Stunde (km/h).

Der landesweite Stichtag für diese Maßnahme zur Bekämpfung von Stickoxidemissionen ist der kommende Montag (16. März). Tagsüber 100 gilt jedoch ab sofort überall da, wo die neuen Schilder bereits sichtbar sind. Darauf machte Rijkswaterstaat, die ausführende Behörde, am Donnerstag aufmerksam.

Zugleich warnten die Verkehrsüberwacher, dass manche Navigationssysteme veraltete Tempolimits anzeigen könnten. „Wir raten deshalb: Achten Sie auf die Schilder“, sagte ein Behördensprecher. Freitagmorgen könnten bereits viele der rund 4000 neuen Verkehrszeichen an den insgesamt rund 2440 niederländischen Autobahnkilometern sichtbar sein und damit auch gültig. Anregungen von Abgeordneten, Überschreitungen des neuen Tempolimits erst nach dem Stichtag zu ahnden, wischte Justizminister Ferdinand Grapperhaus vom Tisch: „So funktioniert die Straßenverkehrsordnung, die Polizei wird kein Auge zudrücken.“

Wer zwischen Arnheim und Amsterdam oder Maastricht und Alkmar zu stark auf die Tube drückt, muss mit empfindlichen Geldbußen rechnen. 20 Stundenkilometer über dem Autobahn-Limit können laut ADAC 174 Euro kosten. Ab 50 km/h mehr werden hohe einkommensabhängige Strafzahlungen fällig.

Grund für die neue Tempo-Beschränkung sind Emissionen von Stickoxiden, die gemessen an der Fläche des Landes EU-Grenzwerte erheblich übersteigen. Der Raad van State, das höchste Beratungsgremium der Regierung und zugleich oberste Gericht für Verwaltungsrecht der Niederlande, hatte angesichts dessen 2019 große Bauvorhaben vorerst gestoppt. Der Grund: Beim Bauen wird, etwa durch den Erdaushub, Stickstoff freigesetzt. Die Regierung von Ministerpräsident Mark Rutte stand anschließend vor der Wahl, wirksame Maßnahmen zur Verminderung der Emissionen zu ergreifen oder diese Projekte komplett zu streichen. Zu diesen gehörte auch die Schaffung Tausender Wohnungen.

Da bleibe nichts weiter übrig, als Tempo 100 zu verordnen, befand Rutte. „Niemand findet das schön, aber es geht hier echt um höhere Interessen.“ Dabei hatte seine konservativ-liberale Partei VVD vor einigen Jahren noch maßgeblich dafür gesorgt, dass vielerorts das Autobahn-Tempolimit von 120 auf 130 erhöht wurde. Rutte verwies darauf, dass die Einhaltung der Stickoxid-Grenzwerte für die Niederlande besonders schwierig sei.

„Das ist eine Krise für unser Land und für die Regierung von bislang nicht gekanntem Ausmaß“, sagte der niederländische Regierungschef. Zu den Ursachen gehört Experten zufolge, dass die Niederlande nach der Inselrepublik Malta der am dichtesten besiedelte Staat in der EU ist und nur über wenig natürliche Ausgleichsflächen oder größere Naturschutzgebiete verfügt, in denen Stickoxid abgebaut wird.

Der „Stickstoffplan“ der Regierung sieht neben Tempo 100 eine Reihe weiterer Maßnahmen vor. Unter anderem soll in der Rinderhaltung mehr enzymreiches Futter verwendet werden, wodurch Kühe weniger Ammoniak abgeben sollen. Umweltorganisationen wie Greenpeace hatten auch eine Reduzierung des Nutztierbestandes gefordert, was zu massiven Protestaktionen von Bauern führte.

(dpa)