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Die Angst vor dem herrenlosen Koffer

Die Angst vor dem herrenlosen Koffer

Ist der Inhalt harmlos, oder ist eine Bombe darin versteckt? Verlassene Gepäckstücke bereiten der Polizei häufig Arbeit.

(dpa/SZ) Sie stehen plötzlich da - und lösen dann Aufregung und eine Menge Unannehmlichkeiten aus: herrenlose Gepäckstücke. Immer wieder muss die Polizei vorübergehend Straßen, Gebäude oder Bahnhöfe sperren, weil irgendwo ein Koffer allein herumsteht. Dann stellt sich die Frage: Ist der Inhalt harmlos - oder hat ein Terrorist eine Bombe darin versteckt?

An Karneval zum Beispiel führte ein Koffer vor dem Kölner Dom dazu, dass die traditionellen "Schull- und Veedelszöch" - ein großes Karnevalsspektakel mit hunderttausenden Zuschauern - umgeleitet werden mussten. Später dann Entwarnung: In dem Koffer war nur Kleidung. Im vergangenen Jahr wurde der Rostocker Hauptbahnhof nach dem Fund zweier verdächtiger Koffer stundenlang abgeriegelt - zahlreiche Reisende kamen verspätet an ihr Ziel, weil Züge umgeleitet werden mussten.

Wie oft die Polizei wegen verdächtiger Gegenstände alarmiert wird, ist statistisch nicht erfasst. "Aber es kommt mit Sicherheit jeden Tag vor", sagt Jens Flören, Sprecher der Bundespolizei. Auffällig sei: Nach einem Großeinsatz mit breiter Medienberichterstattung - wie bei dem Terroralarm in einem Essener Einkaufszentrum vor knapp zwei Wochen - häufen sich stets die Fälle. "Dann sind viele Menschen sensibilisiert und achten eher auf verdächtige Gegenstände - was wir natürlich begrüßen", sagt Flören. Die Kehrseite sei allerdings, dass sich vermeintliche Scherzkekse nach so einem Großereignis oft besonders ermuntert fühlten, auch einmal einen Polizeieinsatz zu provozieren. So fänden die Ermittler manchmal leere Gepäckstücke - oder aber Koffer mit "recht merkwürdigem Inhalt" oder gar Attrappen. "Da liegt dann der Verdacht nahe, dass jemand den Koffer absichtlich dort platziert hat, um zu schocken und sehen, was passiert", sagt Flören.

In den meisten Fällen jedoch sei herrenloses Gepäck vom Besitzer schlichtweg vergessen oder unbedarft "nur mal kurz abgestellt" worden - nach dem Motto: "Das schwere Ding nehm ich jetzt nicht mit rein in die Bäckerei, ich bin ja sofort wieder da." Manchmal waren auch Diebe am Werk, die ein gestohlenes Gepäckstück nach Wertgegenständen durchsucht und es dann zurückgelassen haben. So hatte vor einigen Jahren ein Kofferdieb ein Chaos am Düsseldorfer Flughafen verursacht: Der drittgrößte deutsche Airport wurde geräumt, rund 140 Flüge fielen aus.

"Im Zweifel gehen wir auf Nummer sicher", erläutert Dirk Weber von der Polizei in Köln. "Sobald eine Gefahr nicht auszuschließen ist, sperren wir den Bereich ab und alarmieren die Entschärfer." Die Spezialisten - je nach Zuständigkeit von Bundespolizei oder Landeskriminalamt (LKA) - untersuchen den verdächtigen Gegenstand, zum Beispiel mit Hilfe von Röntgengeräten, Sprengstoffhunden oder ferngesteuerten Robotern. "Entweder der Gegenstand entpuppt sich als harmlos, oder er wird unschädlich gemacht", sagt LKA-Sprecher Frank Scheulen in Düsseldorf. Wenn nötig, wird er an Ort und Stelle gesprengt.

Im Saarland gab es in diesem Jahr bisher 13 Fälle, in denen verlassene Gepäckstücke gefunden wurden, bisher alle mit harmlosem Inhalt, wie Dieter Schwan von der Bundespolizeiinspektion Bexbach mitteilte. Zuletzt wurde die Polizei vor zweieinhalb Wochen auf ein herrenloses Gepäckstück am Lebacher Bahnhof aufmerksam gemacht, auch von diesem Fund sei keine Gefahr ausgegangen. Meist seien hierzulande Bahnhöfe und Züge betroffen, nur selten der Flughafen in Ensheim, so Schwan. Die Polizei sei in solchen Fällen schnell mit Sprengstoffspürhunden vor Ort. Diese seien am Saarbrücker Bahnhof stationiert.

Den Verursacher können die Folgen eines Polizeieinsatzes übrigens teuer zu stehen kommen. Zivilrechtlich sind Schadenersatz-Klagen möglich. "Die Sperrung eines Bahnhofes und das Umleiten von Zügen verursachen erhebliche Kosten", sagt zum Beispiel eine Sprecherin der Deutschen Bahn (DB). "Wenn der DB ein nachweisbarer Schaden entstanden ist, prüfen wir in jedem Einzelfall die Forderung von Schadenersatz." Bei vorsätzlichem Handeln droht dem Täter zudem eine Strafanzeige.