Der Besuch der zarten Dame

Der Besuch der zarten Dame

Tokio. Ein wenig zerbrechlich wirkt die Monarchin, als sie mit dezentem Lächeln die Deutsche Botschaft in Tokio betritt. An diesem Morgen steht der Besuch einer Fotoausstellung über die Behindertenhilfe der Bodelschwinghschen Anstalten Bethel in Bielefeld auf dem vollen Terminkalender der japanischen Kaiserin Michiko

Tokio. Ein wenig zerbrechlich wirkt die Monarchin, als sie mit dezentem Lächeln die Deutsche Botschaft in Tokio betritt. An diesem Morgen steht der Besuch einer Fotoausstellung über die Behindertenhilfe der Bodelschwinghschen Anstalten Bethel in Bielefeld auf dem vollen Terminkalender der japanischen Kaiserin Michiko. Für die von strengen Hofbeamten dezent auf Distanz gehaltenen Hofberichterstatter kaum vernehmbar, wechselt sie mit leiser Stimme ein paar Worte mit dem deutschen Botschafter Hans-Joachim Daerr und schreitet sodann langsam von Bild zu Bild.Wer einmal die japanische Kaiserin, die am 20. Oktober 75 Jahre alt wird, erlebt hat, wie neulich in der Deutschen Botschaft, der gewinnt schnell den Eindruck einer freundlichen zarten Dame, die mit aufgeweckten Augen und würdevollem Lächeln ihren Mitmenschen Interesse und Mitgefühl entgegenbringt. Seit ihrem Besuch in Bethel 1993 an der Seite von Kaiser Akihito, so erzählt an diesem Tag der Leiter der Anstalten Bethel, Pastor Ulrich Pohl, sei es ihr ein besonderes Anliegen, "Behinderte in die Öffentlichkeit zu bringen und nicht zu verstecken". Manche Anwesende des kaiserlichen Botschaftsbesuches sahen in der ergrauten Monarchin jedoch auch jene Frau, deren von uralten Ritualen geprägtes Leben hinter dem dichten Chrysanthemen-Vorhang des Kaiserpalastes auch oft von Sorgen überschattet war und noch immer zu sein scheint. Wenn Japans Hofberichterstatter und Klatschreporter über die Monarchin berichten, fällt immer wieder das Wort "Kunan" (Schwierigkeiten). Zu ihrem 50. Hochzeitstag im April wurde auch Kaiser Akihito mit den Worten zitiert: "Ich bin so dankbar, dass sie das alles ausgehalten hat." "Nach meiner Heirat vollzogen sich in meinem Leben große Veränderungen. Aber Ihre Majestät war immer von höchstem Verständnis mit einem weiten, edlen Herzen", ließ Michiko anlässlich ihres 70. Geburtstages die Öffentlichkeit wissen. Seit ihrer Hochzeit mit dem heutigen Kaiser Akihito werde sie von dem Gefühl der "schweren Verantwortung" begleitet, "keine Schande für die kaiserliche Familie zu sein", erklärte die Kaiserin damals. Der damalige Kronprinz Akihito hatte im April 1959 mit der fast 2000 Jahre alten Hoftradition gebrochen und mit der Unternehmertochter Michiko Shoda eine Bürgerliche geheiratet. Die Hochzeit zwischen Akihito und seiner "Tennisplatz-Liebe" versetzte damals Millionen Japaner in wahre Begeisterungsstürme. Doch zugleich begannen Kaisertreue und nationalistische Kreise, Michiko das Leben schwer zu machen. Zwischenzeitlich verlor sie sogar ihre Stimme. Aber Michiko, die sich großer Popularität erfreut, zeigte Mut. Es gelang ihr, viele Neuerungen am konservativen Hofe durchzusetzen. So durften ihre beiden Söhne im Ausland studieren, und beide heirateten später ebenfalls bürgerliche Frauen. Doch auch Michikos Schwiegertochter, die frühere Elite-Diplomatin und heutige Kronprinzessin Masako, ist eine Außenseiterin am Hofe und hat unter dem psychischen Druck zu leiden. Offiziell erkrankte Masako an einer "Anpassungsstörung", die vom enormen Stress ihres Amtes herrührt. Beobachter sehen dahinter vor allem den seit ihrer Heirat mit Kronprinz Naruhito, dem ältesten Sohn der Kaiserin, auf Masako lange Zeit lastenden Druck, einen männlichen Thronfolger zu gebären. Zwar kam 2001 der langersehnte Nachwuchs: Töchterchen Aiko, die jedoch wegen ihres Geschlechts nicht als Thronfolgerin infrage kommt. Derweil haben Naruhitos jüngerer Bruder, Prinz Akishino, und dessen Frau, Prinzessin Kiko, das Thronfolgeproblem einstweilen gelöst: Sie schenkten dem Kaiserpaar spät noch einen Enkel, Prinz Hisahito.