Der 14-jährige Comedian Carl Josef mit dem seltenen Gen-Defekt erobert die Herzen im Netz.

Ausnahme-Comedian Carl Josef : „Nur der Bordstein kann mich aufhalten“

Er will kein Mitleid – außer von bildhübschen Frauen. Carl Josef hat eine unheilbare Krankheit. Darf man darüber Witze machen? Er selbst macht es. Hunderttausende lachen mit.

Er kommt aus dem Nichts, Hunderttausende lieben ihn: Der 14-jährige Comedy-Neuling Carl Josef Statnik hat so herausragende Witze über seine Muskelerkrankung, seinen Rollstuhl und seine Pläne für Sex und Beziehung auf Lager, dass sein Youtube-Video sofort durch die Decke gegangen ist. Die sieben Minuten lange Nummer in der Online-Comedy-Sendung „NightWash“ wurde binnen weniger Stunden mehr als 1,8 Millionen Mal angeklickt. Für den Teenager aus Vechelde bei Braunschweig war es erst der dritte öffentliche Auftritt.

Beim Live-Publikum, das sich zu „NightWash“ traditionell in einem kleinen Kölner Waschsalon versammelt, hat der junge Rollstuhlfahrer mit Goldkette, Turnschuhen und Baseballcap die Lacher von Anfang an auf seiner Seite: „Ihr fragt euch jetzt alle dasselbe“, sagt er. „Und ich weiß, ich muss es ansprechen – und ja: ich bin Single.“

Aber nicht politisch korrekt: „Meine Krankheit zwingt mich, den ganzen Tag auf einem Stuhl zu sitzen und in einen Bildschirm zu starren“, frotzelt Carl Josef gegenüber den 20 bis 30 Jahre alten Zuschauern. „Kurz gesagt: Ich leb das Leben so wie ihr es auch tut.“ Ohrenbetäubende Lacher, Toben, Johlen.

„Ihr braucht kein Mitleid mit mir zu haben. Ich hasse es wirklich, wenn Leute Mitleid mit mir haben“, betont der 14-Jährige ernst. Dann aber die Pointe: „Außer, es ist eine gut aussehende Frau. Dann huste ich extra viel. Und extra laut.“ Abseits der Showbühne ist Carl Josef ein sehr nachdenklicher Jugendlicher. Als er sechs war, wurde bei ihm Muskeldystrophie Typ Duchenne festgestellt, sie ist unheilbar. „Die Krankheit wirkt sich auf die Muskeln aus. Die Muskeln werden immer schwächer und bilden sich zurück“, erzählt er. Nach Angaben der EU-geförderten Initiative Care-NMD betrifft die Muskeldystrophie Duchenne etwa einen von 3500 männlichen Neugeborenen. Nur Jungen können sie bekommen. Der Genfehler führt dazu, dass der Körper ein bestimmtes Protein, das Dystrophin, nicht mehr herstellen kann. „Dieses Protein ist jedoch ein wichtiger Bestandteil von Muskelfasern und sein Fehlen führt zu einer zunehmenden Muskelschwäche, weil Muskelzellen untergehen“, erläutert Care-NMD auf seiner Webseite. Die Krankheit verkürze das Leben. Ironie helfe, damit umzugehen, sagt Carl Josef. „Wenn man jetzt stur ist und sagt, alles ist so blöd, dann kommt man jetzt auch nicht weiter. Man muss das schon alles mit positiver Energie nehmen. Und irgendwie klappt das dann schon.“

Der Achtklässler fing vor fünf Monaten an zu schreiben. „Die Ideen kommen aus dem Alltag. Dann versucht man sie ein bisschen lustig zu schreiben. Und es kam ja gut an. Ich glaube, das war ganz gut.“ Bei „NightWash“ ist er der jüngste Live-Act, den es je gab.

Carl Josef will seine Krankheit bekannter machen. „Wenn ich irgendwie Geld damit verdiene, versuche ich auch, das Geld in Forschung zu stecken. Wenn, dann sollte man allen helfen, die davon betroffen sind.“ Etwas verlegen setzt er hinterher, dass er aber auch etwas in den Wagen seiner Familie stecken will. „Ein barrierefreies Auto, eben etwas, das das Leben erleichtert – das wäre schön.“

Der Schüler will sein Publikum motivieren, für Träume zu kämpfen. „Ich hatte den Traum, mal auf der Bühne zu stehen und Leute zum Lachen zu bringen (...) Ich hab gesagt: Okay, mich kann nix aufhalten – gut – bis auf Bordsteine“, witzelt er.

„NightWash“-Moderator Simon Stäblein ist baff. Entwaffnend ehrlich gibt er zu, dass er sich von dem Auftritt erst nicht viel versprochen hat. Und jetzt das: „Du hast so ein Talent, du hast so ein Timing, deine Jokes sind besser als (...) von Leuten, die Arenen vollmachen. Geh weiter diesen Weg!“

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