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Dekret soll helfen: Corona bedroht den französischen Käse

Comté und Co. : Corona bedroht ein französisches Kulturgut

Wegen der Pandemie gehen viele Käsereien widerwillig neue Wege und stellen ihre traditionellen Rezepturen auf Superzeitlupe um.

In Frankreich gilt edler Käse als schützenswertes Kulturgut. Änderungen in der Rezeptur oder der Art der Herstellung kommen einem Angriff auf das Selbstverständnis der Grande Nation gleich. Für ihren schmackhaften Schatz sind die französischen Bauern bereit, sich mit der Europäische Union anzulegen, der auf dem Gebiet der Kulinarik von Feinschmeckern fade Gleichmacherei vorgeworfen wird. Gegen die regelungswütigen Beamten aus Brüssel wissen sich die Käsehersteller seit Jahren erfolgreich zu wehren, doch vor dem Corona-Virus haben sie nun kapituliert.

Wegen der Pandemie sind in Frankreich die Herstellungsbedingungen für mehrere Käsesorten mit der geschützten Ursprungsbezeichnung AOP (Appellation d‘Origine Protégée) vorübergehend geändert worden. Da deren Erzeugung und Vertrieb ansonsten sehr streng geregelt sind, musste die französische Regierung zu diesem Zweck in diesen Tagen ein Dekret erlassen. Darin heißt es, dass die Vorgaben bei der Herstellung von Bleu d‘Auvergne, Comté, Saint-Nectaire und Fourme d‘Ambert vorübergehend angepasst werden. Die Änderungen betreffen unter anderem die erlaubten Lagerungszeiten von Milch vor der Verarbeitung und die vorgegebenen Temperaturen zur Lagerung des Käses. Die Herstellung wird förmlich von Zeitlupe auf Superzeitlupe umgestellt. Damit soll verhindert werden, dass es zu großen Verlusten von bereits produzierter Milch kommt.

„Für die AOP-Käsehersteller ist die Situation katastrophal“, sagt Michel Lacoste, Präsident des Verbandes der französischen Milchhersteller (CNAOL), der Markt sei praktisch zusammengebrochen. Zum Problem geworden ist, dass wegen der rigiden Ausgangssperre in Frankreich die beliebten Freiluftmärkte verboten wurden und auch die Restaurants geschlossen sind. Zudem würden sich seine Landsleute wegen der unsicheren wirtschaftlichen Lage im Moment weniger Luxusprodukte wie teuren Käse kaufen, sagt Michel Lacoste.

Olivier Athimon setzt auf neue Verkaufswege und den Stolz der Franzosen, um die Krise zu überwinden. Der Vertreter der Milchgenossenschaft Sodiaal appelliert an die Supermärkte, vermehrt Werbung für den teuren AOP-Käse zu machen, um den Verkauf wieder anzukurbeln. „Drei unserer 21 Käsereien haben bereits geschlossen – andere werden folgen.“ Das sei nicht nur ein schwerer wirtschaftlicher Schlag für strukturschwache Regionen wie den Jura oder die Auvergne, erklärt Athimon. Es sei auch eine Frage des Nationalstolzes, den heimischen Käsereien zu helfen, denn die Corona-Krise bedrohe das gastronomische Erbe Frankreichs.