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Das Rätsel der drei Sterne

Das Rätsel der drei Sterne

Madrid. Sein Vorhaben war einzigartig: In gut zwei Monaten wollte Pascal Henry die besten Restaurants der Welt aufsuchen und dort zu Abend essen. Auf dem Reiseplan des Feinschmeckers aus der Schweiz standen alle 68 Speiselokale, die der Guide Michelin mit der höchsten Auszeichnung von drei Sternen versehen hatte

Madrid. Sein Vorhaben war einzigartig: In gut zwei Monaten wollte Pascal Henry die besten Restaurants der Welt aufsuchen und dort zu Abend essen. Auf dem Reiseplan des Feinschmeckers aus der Schweiz standen alle 68 Speiselokale, die der Guide Michelin mit der höchsten Auszeichnung von drei Sternen versehen hatte. Pro Tag ein Spitzenmahl - so hatte der 46-Jährige sich seinen kulinarischen Marathon gedacht. Die Weltreise nahm jedoch in Spanien ein unverhofftes Ende. Nach dem Besuch des berühmten Restaurants "El Bulli" am 12. Juni verschwand Henry auf mysteriöse Weise. Das Lokal des Starkochs Ferran Adrià an der Costa Brava war die 40. Station des Gourmets. Die Polizei steht vor einem Rätsel. Tauchte Henry unter, weil er die Rechnungen nicht mehr bezahlen konnte? Diese dürften sich - je nach Lokal - immerhin auf 200 bis 350 Euro pro Menü belaufen haben. Wurde der Gourmet vielleicht auf dem etwas abgelegenen Parkplatz von "El Bulli" überfallen? Oder stürzte er von den nahen Klippen ins Meer? Henry galt nicht als wohlhabender Mann. Sein Geld verdiente er als Motorradkurier daheim in Genf. Für die Rundreise durch die Top-Restaurants der Welt hatte er seit Jahren gespart, denn die Haute Cuisine war seine große Leidenschaft. Er gewann die Unterstützung von Paul Bocuse. Der Meisterkoch der französischen Nouvelle Cuisine kümmerte sich darum, dass die anderen Drei-Sterne-Restaurants von der Ankunft des Schweizers unterrichtet wurden. Zudem schenkte er Henry ein in Leder gebundenes Notizbuch. Dort trug der Feinschmecker später die Menüs seiner Tour ein und ließ sich von den Küchenchefs Widmungen geben. Henry startete seine Weltreise am 5. Mai im Lokal seines Förderers Bocuse bei Lyon. Danach speiste er in 39 weiteren Spitzenrestaurants in Frankreich, der Schweiz, Belgien, den Niederlanden, Deutschland, Italien und Spanien. "Ich strebe nicht nach Rekorden. Ich will, dass auf meiner Rundreise jeder Tag für mich wie Weihnachten ist", verriet er in einem Interview. Die Erfahrungen auf seiner Tournee wollte er später in einem Buch zusammenfassen. Der Titel stand bereits fest: "Route 68". Von Spanien hatte er nach Großbritannien, in die USA und nach Japan reisen wollen, aber dort traf er nie ein. Was geschah an jenem Abend des 12. Juni? Henry war während seines Mahls in "El Bulli" mit spanischen Journalisten am Nebentisch ins Gespräch gekommen. Nach dem Dessert erhob er sich und sagte: "Ich hole eben meine Visitenkarten." Er verließ das Lokal und kehrte nicht wieder zurück. Sein Hut, eine Fotomappe und das Reisetagebuch mit den Widmungen der Starköche blieben auf dem Tisch zurück. Juli Soler, Geschäftsführer von "El Bulli", schloss aus, dass dem Schweizer vor dem Lokal etwas zugestoßen sein könnte: "An jenem Abend waren viele Leute draußen. Da hätte jemand etwas mitbekommen müssen." Ein Onkel von Henry erstattete in der Schweiz eine Vermisstenanzeige. Die Polizei schaltete Interpol ein. Die Öffentlichkeit erfuhr vom Verschwinden des Schweizers erst Wochen später, nachdem Bocuse Alarm geschlagen hatte. "Man muss unbedingt etwas tun", sagte der Starkoch der Zeitung "Tribune de Genève". "Henry kann nicht von sich aus verschwunden sein und das Reisetagebuch zurückgelassen haben."