Das Mysterium Handtasche

Paris. Es hat meist vier Ecken, dieses Bermuda-Dreieck, lässt Schlüssel verschwinden, Lippenstifte und ganze Schokoriegel, schluckt das Notwendige wie das Überflüssige. Es bedeutet mehr als nur ein nebensächliches Accessoire oder gar lästiges Anhängsel, ist praktischer Begleiter und stylisches Statement in einem: die Handtasche - das Bermuda-Dreieck der Frau

Paris. Es hat meist vier Ecken, dieses Bermuda-Dreieck, lässt Schlüssel verschwinden, Lippenstifte und ganze Schokoriegel, schluckt das Notwendige wie das Überflüssige. Es bedeutet mehr als nur ein nebensächliches Accessoire oder gar lästiges Anhängsel, ist praktischer Begleiter und stylisches Statement in einem: die Handtasche - das Bermuda-Dreieck der Frau. So sagt es das Sprichwort, der französische Soziologe Jean-Claude Kaufmann nennt sie hingegen ein "Universum voll mysteriöser Gesetze". Nachdem er jahrelang den Taschen-Inhalt der Französinnen erforscht hat, beschreibt er seine Erkenntnisse in dem Buch "Le sac. Un petit monde d'amour" ("Die Tasche. Eine kleine Welt der Liebe"). Die Handtasche stelle für eine Frau dar, was der Schnecke ihr Haus sei - mit dem Unterschied, dass alle Schnecken einander irgendwie ähneln. Klassisch, praktisch oder individualistisch - die Taschen-Spielarten sind hingegen unzählig und geben viel über ihre Trägerinnen preis.Sie können chaotisch sein oder aufgeräumt, topmodern oder abgegriffen, minimalistisch oder geräumig, um ein ganzes Leben zu erzählen mit all den Kinokarten, Telefonnummern und einem kleinen Parfum-Flakon (man weiß ja nie). Die Handtasche ist modische Visitenkarte, tragbare Rumpelkammer und laut Umfragen nach den Schuhen der zweitliebste Fetisch modebewusster Frauen. Am meisten besitzen die stilsicheren Italienerinnen, die bis zu 60 Exemplare horten - für jede Gelegenheit, jedes Outfit und jede Laune. Die Durschnitts-Europäerin hat sieben Stück. In Preis und Raffinesse stehen die Exemplare den Mode-Kreationen in nichts nach - was dem Mann die Armbanduhr oder das Auto bedeutet, das ist so mancher Frau ihre Tasche, heißt es: ein Statussymbol und Luxusgut.

Die Designerin Coco Chanel galt in dieser Hinsicht als Revolutionärin: Brachte sie doch die kurzhenkeligen Taschen en vogue, die um die Schulter gelegt werden, nicht an der Hand gehalten werden mussten. Berühmt ist vor allem der Klassiker Chanel 2.55. In den 50er Jahren machte Grace Kelly alias Grazia Patrizia ein Hermès-Modell berühmt, indem sie vor Paparazzi damit ihren Babybauch verbarg - als "Kelly Bag" war es fortan verknüpft mit der klassischen Eleganz der Fürstin von Monaco. Stilvoll sei es ja, aber allzu klein und unpraktisch, klagte später die britische Schauspielerin Jane Birkin, als sie in einem Flugzeug neben dem Chef von Hermès, zu sitzen kam - gemeinsam skizzierten sie ein größeres Modell, das 1984 als "Birkin" auf den Markt kam. Berühmte Trägerinnen gehörten stets mit zum Erfolgskonzept für Taschenkreationen: Dior brachte zu Ehren von Lady Diana die "Lady Dior" heraus und das Gucci-Modell "Jackie O." orientiert sich an der zeitlosen Eleganz der einstigen First Lady Jackie Kennedy Onassis. Heute tragen trendige "It-Girls" ebensolche "It-Bags". Paris Hilton gelang es sogar, deren Inhalt zum eigentlichen Clou zu machen - ihr Chihuahua-Hündchen. "Eine Tasche ist ein Universum voll mysteriöser Gesetze"

Jean-Claude Kaufmann, Soziologe

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