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Das kann man doch noch essen

Das kann man doch noch essen

Viele eigentlich noch genießbare Lebensmittel landen im Müll – im Haushalt, in der Gastronomie, im Supermarkt. Sechs Berliner gründen jetzt das erste Restaurant in Deutschland, das nur mit Resten kocht.

Wenn Anette Keuchel auf den Wochenmarkt geht, schließen die ersten Stände bereits. Die Händler verstauen die restlichen Möhren, Kohlköpfe und Tomaten zum Transport in Kisten. "Aber eben nicht alles", erzählt die 38-Jährige. Bananen mit Druckstellen oder Salat mit etwas schlaffen Blättern landen oft im Müll. Keuchel aber nimmt sie mit. Im Oktober wird sie häufiger kommen - dann eröffnet sie mit fünf Mitstreitern das erste Restaurant Deutschlands, das nur mit Lebensmittelresten kocht: das "Restlos Glücklich".

Die Idee dazu fand Keuchel in einem Zeitungsartikel über das Kopenhagener Reste-Restaurant "Rub og Stub" (restlos alles). "Da sowieso ein Familienurlaub in Dänemark geplant war, habe ich mir das Restaurant einfach mal angesehen. Ich war sofort begeistert", erzählt die zweifache Mutter. Wieder zurück in Berlin begann sie mit den Planungen. Rund 18 Millionen Tonnen Lebensmittel werden in Deutschland jährlich weggeworfen. Das geht aus einer Studie der Naturschutzorganisation WWF hervor, die im Juni veröffentlicht wurde. Demnach landen zehn Millionen Tonnen Lebensmittel in privaten Küchen und der Gastronomie in der Tonne - obwohl sie noch genießbar wären. Aber auch bereits beim Bauern oder im Supermarkt werden Obst, Gemüse oder andere noch genießbare Waren teilweise aussortiert.

An diesem Punkt wollen die Restaurant-Gründer ansetzen. Für die Menüs werden sie jeweils am Vortag bei Bauern oder Supermärkten in der Region nach überschüssigen Lebensmitteln fragen. "So wird es jeden Tag eine neue Speisekarte geben", sagt Keuchel. Derzeit arbeitet ein Kernteam aus sechs Personen an dem Projekt - alle engagieren sich ehrenamtlich in ihrer Freizeit. Auch beim Service-Personal setzt die Gruppe auf ehrenamtliche Helfer.

Keuchel wünscht sich vor allem, Menschen zum Umdenken zu bringen. "Die Leute sollen zweimal überlegen, ob die etwas schrumpelige Möhre im Kühlschrank schon reif für den Müll ist." Eine Lektion mit erhobenem Zeigefinger sollen die Besucher im Restaurant aber nicht bekommen. "Wenn es funktioniert, super! Wenn nicht, hatten die Gäste wenigstens einen schönen Abend", findet Keuchel.

Eine Konkurrenz zu der gemeinnützigen Arbeit der "Berliner Tafel" soll "Restlos Glücklich" nicht sein, betont Keuchel. "Wir wollen nicht den Eindruck erwecken, Bedürftigen das Essen wegzuschnappen." Ziel sei eher eine Art Austausch von Konzepten und Esswaren. Das könnte sich auch Tafel-Vorsitzende Sabine Werth gut vorstellen. "Ein sympathischer Vorschlag, der unserer Arbeit sehr nahe steht."

Um das als Non-Profit-Restaurant gedachte Projekt finanzieren zu können, startet Mitte August eine Crowdfunding-Kampagne. "Der Gewinn, den der Laden eines Tages hoffentlich abwirft, soll in Bildungsprojekte zum Thema Ernährung investiert werden", kündigt die angehende Gastronomin Keuchel an - zum Beispiel damit Kinder lernen, gute von verdorbenen Lebensmitteln zu unterscheiden.