Das große Plündern

Sie kommen mit Gasflaschen, Schläuchen und Klebeband: In immer kürzeren Abständen explodieren nachts in Nordrhein-Westfalen Geldautomaten. Dahinter sollen Banden aus den Niederlanden stecken.

Es knallt, die Druckwelle lässt Fensterscheiben bersten und kurz darauf heult ein PS-starker Motor auf. In der Nacht, zwischen 2 und 5 Uhr, schlagen sie zu. Seit Monaten sind mehrere Banden in Nordrhein-Westfalen unterwegs. Sie jagen Bankautomaten in die Luft, um an das Bargeld zu kommen. "Wir haben bereits Schäden in Höhe von mehreren Millionen Euro", sagt eine Sprecherin des Landeskriminalamts (LKA) in Düsseldorf .

Den Ermittlern zufolge kommen die Gangster meistens aus den Niederlanden und schlagen besonders oft im Grenzgebiet zu. Welche Geldbeträge sie erbeuten, ist ein gut gehütetes Geheimnis von Polizei und Banken . Man möchte keine Anreize schaffen. Für die Täter scheinen die Beträge jedenfalls Anreiz genug. Dass sich nun die Sonderkommission "Heat" im Landeskriminalamt an ihre Fersen geheftet hat, scheint sie nicht zu beeindrucken. Im Gegenteil ihre Aktivitäten haben seitdem eher zugenommen. 43 Fälle zählen die nordrhein-westfälischen Ermittler bislang in diesem Jahr. Bundesweit waren es nach Angaben des Bundeskriminalamts 63 Fälle - nach 116 im gesamten Vorjahr.

"Die Täter sind nie länger als fünf Minuten am Tatort", berichtet die LKA-Sprecherin. In dieser Zeit haben sie den Geldautomaten präpariert, ein Gasgemisch eingeleitet, zur Explosion gebracht und aus den Trümmern das Bargeld mitgenommen. Bei der Schwere der Detonationen und Gebäudeschäden sei es "pures Glück", dass noch niemand verletzt wurde. Acht Taten konnten aufgeklärt werden. Zwei Männer wurden festgenommen, drei sind flüchtig.

Eine weitere Bande hätte die Polizei beinahe erwischt: Doch als Beamte Anfang September einen dunklen Audi in Düsseldorf kontrollieren wollten, ließ der die Polizisten alt aussehen: Mit über 250 Stundenkilometern jagte die Limousine davon. Mindestens 21 Streifenwagen konnten sie nicht stoppen. Die CDU-Opposition im Düsseldorfer Landtag greift den nordrhein-westfälischen Innenminister Ralf Jäger (SPD ) wegen der Tatserie an. Doch der will sich auf kein Wettrüsten für die nächste Verfolgungsjagd einlassen. Stattdessen möchte er das Problem am der Wurzel packen: "Wir müssen den Tätern den Anreiz nehmen", sagt Jäger. "Warum kommen die denn zu uns? Weil die Banken in Belgien und den Niederlanden inzwischen ihre Automaten mit Farbkartuschen ausgerüstet haben. Ich hoffe, dass die hiesigen Banken das schnell nachholen." In den Niederlanden und Belgien waren ähnliche Serien abgeebbt, seit Farbpatronen die Beute einfärben und damit unbrauchbar machen.

Einige Banken am Niederrhein schließen nachts ihre Vorräume ab und versperren so den Zugang zu den Automaten. Der Chef des Geldautomaten-Herstellers Wincor-Nixdorf, Eckard Heidloff, setzt auf Stahl und Beton: Das Problem der Gasattacken könne man lösen. Es komme nur darauf an, wie viel Geld man investiere, um die Automaten zu verstärken.Auch im Saarland und im angrenzenden Rheinland-Pfalz haben sich schon häufiger Automaten-Knacker ans Werk gemacht. Erst im Juli mussten sich zwei Männer vor dem Landgericht Saarbrücken verantworten, weil sie vier Geldautomaten in die Luft gesprengt und mehr als 400 000 Euro erbeutet hatten. Ihre Ziele waren Banken in Rehlingen-Siersburg, Völklingen-Lauterbach, Perl und Gersweiler.

Im Februar haben sich Unbekannte im rheinland-pfälzischen Hornbach an einen Bankautomaten zu schaffen gemacht. Im März, zündete ein grinsender Ganove - er trug eine Clownsmaske - einen Automaten im Namborner Ortsteil Eisweiler an. Dazu schüttete er brennbare Flüssigkeit in den Ausgabeschlitz. Der Versuch, den Automaten in die Luft zu jagen, ging schief. Der Ganove flüchtete ohne Geld. Der letzte Anschlag ereignete sich Anfang November in Püttlingen. Der oder die Täter drangen in den Wasgau-Markt ein, knackten einen Tresor und einen Bankautomaten. Sie versuchten nicht, den Automaten zu sprengen, sondern schnitten ihn mit einem Winkelschleifer auf.