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"Da wird mir richtig schlecht"

"Da wird mir richtig schlecht"

Wien. Der Blick von Natascha Kampusch ist ernst, aber gefasst. Nur in wenigen Momenten scheint Wut durch, als sie in einem Interview des österreichischen Fernsehens Verschwörungstheorien zurückweist. Die 24-Jährige, die 2006 aus ihrer achtjährigen Gefangenschaft floh, steht erneut im Mittelpunkt. Ende März will ein Parlamentsausschuss einen Bericht vorlegen

Wien. Der Blick von Natascha Kampusch ist ernst, aber gefasst. Nur in wenigen Momenten scheint Wut durch, als sie in einem Interview des österreichischen Fernsehens Verschwörungstheorien zurückweist. Die 24-Jährige, die 2006 aus ihrer achtjährigen Gefangenschaft floh, steht erneut im Mittelpunkt. Ende März will ein Parlamentsausschuss einen Bericht vorlegen.Die seit Jahren schwelenden Debatten wurden angeheizt, weil der Vorsitzende des Ausschusses, Werner Amon, nicht an einen Einzeltäter glaubt. Kampusch habe "ihre subjektive Wahrheit", sagte er. Die junge Frau "wird Gründe haben, das so darzustellen, wie sie es darstellt". Laut Zeitungsberichten will der Ausschuss in einem 600 Seiten umfassenden Bericht empfehlen, den Fall wegen der Ungereimtheiten noch einmal komplett aufzurollen.

Neben der These von einem zweiten Täter wuchern weitere Spekulationen: Der Entführer soll sich 2006 nicht selbst getötet haben. Natascha Kampusch soll von ihm ein Kind bekommen haben. Sie decke einen Pädophilenring, der hinter ihrer Entführung stecke. Es gebe einen Pornofilm. Die Gerüchte führten zu absurden Vorfällen: Ein Polizist versuchte in einer Schule, von einem Mädchen DNA-Proben zu nehmen, um zu beweisen, dass sie Kampuschs Tochter sei. Der Polizist, gleichzeitig Politiker der rechtspopulistischen FPÖ, traf sich zuvor mit dem Ex-Präsidenten des Obersten Gerichtshofes, Johann Rzeszut, der 2008 eine Untersuchung zum Fall Kampusch leitete und an der Version der Behörden zweifelt.

Kampusch wurde als Zehnjährige von dem Nachrichtentechniker Wolfgang Priklopil entführt und verbrachte ihre Jugend in einem Kellerverlies. Im ORF-Interview am Montagabend zeigte sie sich verletzt: "Ich wollte genau das verhindern, was jetzt eingetroffen ist", sagt sie. "Ich wollte verhindern, dass irgendjemand das ganze abtut und verfälscht." Sie habe nie Mittäter gesehen. Die Aussage eines damals zwölfjährigen Mädchens, das die Entführung beobachtete und später von zwei Männern sprach, erklärt sich Kampusch mit einer Einbildung im Schockzustand. Auch sei sie nie von Priklopil schwanger gewesen. Die immer wieder als Beweis angeführte Haarlocke stamme nicht von einem Baby, sondern von ihr.

Als die Behauptung zur Sprache kommt, ein ganzer Pädophilen-Ring habe sie missbraucht, schluckt Natascha Kampusch und erwidert: "Das ist unfassbar." Solche Vorhaltungen seien "demütigend und verletzend". Unterstellungen, sie habe eine Liebesbeziehung zu dem Mann gehabt, weist Kampusch wütend zurück: "Bei der Vorstellung, dass es Menschen gibt, die solche Fantasien haben, da wird mir so richtig schlecht."

Die österreichischen Ermittler reagieren verständnislos. "Intensiver kann man einen Fall nicht ausermitteln", hieß es. Der Wiener Oberstaatsanwalt Werner Pleischl argumentiert, ermittelt hätten unter anderem die Polizei Wien, die Sonderkommission Burgenland sowie die Staatsanwaltschaften Wien und Innsbruck. "Und es ist immer das gleiche herausgekommen." Die selbst ernannten Aufklärer um Johann Rzeszut hingegen monieren Ermittlungspannen und rufen nach anderen Instanzen als Retter, nach dem deutschen BKA und dem amerikanischen FBI.