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Chinesen erfinden ihre Lebensläufe

Chinesen erfinden ihre Lebensläufe

Peking. Ist ein Zeitungsbote ein Logistikdienstleister? Dürfen sich Nachhilfelehrer als Dozenten oder akademische Berater bezeichnen? In Lebensläufen wird häufig Sprachkosmetik betrieben

Peking. Ist ein Zeitungsbote ein Logistikdienstleister? Dürfen sich Nachhilfelehrer als Dozenten oder akademische Berater bezeichnen? In Lebensläufen wird häufig Sprachkosmetik betrieben. Nirgends dürfte die Lebenslaufkosmetik allerdings wildere Blüten treiben als in China, wo in den vergangenen Jahren Millionen anspruchsvoller Jobs entstanden sind, obwohl nur wenige Chinesen Erfahrung darin haben, Fabriken zu managen, Forschungsprojekte zu koordinieren oder Werbekampagnen zu entwerfen. Deshalb ist es durchaus üblich, bei Bewerbungen nicht nur zu beschönigen, sondern Teile seiner Biografie zu erfinden.Doch was bisher als Volkssport galt, wird vielen Chinesen unheimlich, nachdem die Flugaufsichtsbehörde CAAC eingestehen musste, dass sich auch in ihren Reihen viele Schummler befinden. Piloten schummelnÜber 200 Piloten sollen in den vergangenen Jahren auf der Basis von falschen Angaben zur Flugerfahrung eingestellt worden sein, berichteten chinesische Medien. Mehr als die Hälfte der Kapitäne arbeitete für die Fluglinie Shenzhen Airlines. Eine ihrer Maschinen war Ende August über die Landebahn hinausgeschossen, bei dem Unglück starben 42 Menschen. Aber auch unter prominenten Chinesen sind Lügen im Lebenslauf weit verbreitet. Im Juni enthüllte der Blogger Fang Zhouzi, dass Chinas bestbezahlter Manager Tang Jun seine akademischen Titel frei erfunden hatte. Tang Jun, ehemals China-Chef von Microsoft und heute Präsident des chinesischen IT-Konzerns Huadu, hatte stets behauptet, in Japan einen Masterabschluss gemacht und danach am renommierten California Institute of Technologie promoviert zu haben. In Wahrheit hatte er sein japanisches Studium jedoch abgebrochen und sich später bei einer unseriösen kalifornischen Briefkastenuniversität einen Doktortitel gekauft. Allerdings ist es nicht ungefährlich, Chinas Mächtigen nachzuspionieren. Vergangene Woche wurde Fang vor seiner Pekinger Wohnung von Schlägern aufgelauert, die ihn mit einem Hammer angriffen und mit Äther betäuben wollten. "Das ist offenbar ein Racheakt von jemandem, den ich überführt habe", schrieb Fang auf seinem Blog, nachdem ihm die Flucht gelungen war. Einer seiner Mitstreiter, der Journalist Fang Xuanchang, hatte weniger Glück: Er wurde mit Eisenstangen zusammengeschlagen.Gefälschte Lebensläufe sind auch für deutsche Unternehmen in China ein Problem. "Bei vielen Bewerbern wissen wir, dass ihre Referenzen von vorne bis hinten erfunden sind", sagt die Pekinger Personalleiterin eines großen deutschen Konzerns. "Aber am Ende bleibt uns häufig nichts anderes übrig, als einen solchen Schaumschläger einzustellen, weil alle anderen genauso sind." Zumindest Angaben zum Universitätsabschluss lassen sich inzwischen nachrecherchieren, weil alle chinesischen Hochschulen ihre Absolventen in öffentlichen Datenbanken erfassen. Botschaft prüft Weil aber auch dort geschummelt werden kann und sich tausende Chinesen mit gefälschten Zeugnissen an ausländischen Universitäten bewarben, hat die deutsche Botschaft in Peking vor einigen Jahren eine Prüfstelle eingerichtet. Rund 20 Mitarbeiter sind dort damit beschäftigt, jeden Chinesen, der sich in Deutschland um einen Studienplatz bewerben will, zu überprüfen. Finanziert wird das Büro allerdings nicht von deutschen Steuergeldern, sondern über die Gebühren der chinesischen Bewerber.