Campingplatz in Lügde: Kindesmissbrauch in tausenden Fällen

Campingplatz in Nordrhein-Westfalen : Kindesmissbrauch in tausenden Fällen

Auf einem Campingplatz nahe Detmold sollen mindestens 23 Kinder missbraucht und gefilmt worden sein. Drei Männer wurden festgenommen.

Die jungen Opfer sollten sich zunächst wohlfühlen. Mit dem Freundeskreis seiner Pflegetochter ist ein 56-Jähriger etwa ins Freibad oder in den Freizeitpark gefahren. Laut Erkenntnissen der Ermittler folgten daraufhin mehr als 1000 Fälle von sexuellem Missbrauch auf einem Campingplatz in Nordrhein-­Westfalen. Mindestens 23 Kinder im Alter von vier bis 13 Jahren fielen den drei Tätern seit 2008 zum Opfer. Sie wurden missbraucht und dabei gefilmt. „Es wurden Lebensräume geschaffen, in denen die Kinder sich wohlfühlten, um dann die Straftaten zu begehen“, sagt Achim Tietz, Leiter des zuständigen Kriminalkommissariats bei der Detmolder Polizei.

Drei Männer sitzen in Untersuchungshaft. Nachdem bereits Anfang Dezember der Hauptverdächtige aus Lügde festgenommen wurde, ging es erst einmal um die Opfer: „Nicht das Ermitteln stand im Vordergrund, sondern wir mussten uns zuerst um die Opfer und die Vielzahl der Angehörigen kümmern“, erklärte Tietz gestern in Detmold.

Nach der Festnahme und der Durchsuchung mehrerer Wohnungen stellten die Ermittler schließlich zehn Computer, neun Handys und mehr als 40 Festplatten mit Beweismaterial sicher. Ihnen stellt sich der Fall wie folgt dar: Der Hauptverdächtige habe zusammen mit einem 33-Jährigen aus Steinheim die Kinder abwechselnd missbraucht und dabei gefilmt. Kennengelernt hatten sich die beiden in Internet-Chats. Den Ermittlern zufolge verabredeten sie sich für den Missbrauch auf dem Campingplatz. Ein dritter Verdächtiger, ein 48-Jähriger aus Stade, sei zwar nicht dabei gewesen, soll aber den Missbrauch in Auftrag gegeben haben. Im Gegensatz zu den anderen beiden hat er ein Teilgeständnis abgelegt.

Der Leiter der Ermittlungen, Gunnar Weiß, zeigte sich tief erschüttert über die Ausmaße der Tat: „Bei der Auswertung der sichergestellten Beweismittel und bei der Anhörung der Kinder kamen perfide Einzelheiten zu Tage, die mich und die anderen Kolleginnen und Kollegen noch lange nach Dienst­ende beschäftigen.“ Eine Zeugin hatte die Ermittlungen ins Rollen gebracht. Sie hatte im vergangenen November Hinweise auf den sexuellen Missbrauch einer Sechsjährigen gegeben. Das Mädchen soll eine Freundin eines Pflegekindes sein, das der Hauptbeschuldigte seit 2016 betreut hatte.

Seit die Tatverdächtigen in Untersuchungshaft sitzen, hätten sich schnell viele Betroffene gemeldet. Viele Fragen rund um den Fall seien aber noch nicht geklärt. Darunter auch, warum ein Kind in die Obhut eines Mannes gegeben wurde, der in einer heruntergekommenen Unterkunft auf einem Campingplatz lebt. Bereits Ende 2016 sei bei dem zuständigen Jugendamt eine Kindeswohlgefährdung angezeigt worden. Diese Anzeige habe sich aber auf den Verdacht der Verwahrlosung eines Kindes bezogen und nicht auf einen möglichen Missbrauch. Das Jugendamt habe die Situation vor Ort geprüft. Die Einschätzung der Mitarbeiter habe ergeben, dass das Kind in keinem verwahrlosten Umfeld lebe, erklärte das Jugendamt.

Bislang gibt es laut den Ermittlern keine Hinweise darauf, dass es Mitwisser auf dem Campingplatz gab. Der 56-jährige arbeitslose Hauptverdächtige habe dort bereits seit rund 20 Jahren gelebt. Auch gebe es bislang keinen Hinweis auf einen Kinderpornoring. Allerdings sei es eher unwahrscheinlich, dass der Mann aus Stade der einzige Empfänger des Materials gewesen sei. „Bei den Ermittlungen sind wir erst am Anfang“, sagt Weiß.