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Beleidigt, bedroht, geschlagen

Beleidigt, bedroht, geschlagen

Schimpfen, drohen, treten, prügeln – Schüler teilen nicht nur untereinander aus. Sie knöpfen sich auch verstärkt Lehrer vor. Eine Umfrage zeigt erstmals das Ausmaß der Gewalt gegen Lehrer.

Früher hatten Schüler Angst vor prügelnden Lehrern. Heutzutage müssen sich Lehrer vor gewalttätigen Schülern fürchten - und manchmal auch vor Eltern . Erstmals gibt es eine repräsentative bundesweite Umfrage zur Gewalt gegen Lehrkräfte. Der Auftraggeber, der Lehrerverband Bildung und Erziehung (VBE), sieht in dem Ergebnis bestätigt, was er intern seit längerem beobachtet: Schüler teilen verbal und auch mit der Faust immer öfter gegen Lehrer aus. Sechs von 100 Lehrern sind der Umfrage zufolge von Schülern schon einmal körperlich angegriffen worden. "Wir waren überrascht über die Größenordnung", sagt der VBE-Bundesvorsitzende Udo Beckmann. An jeder zweiten Schule dürften damit schon mal Schüler gegen Lehrer Gewalt angewendet haben. Doch nur die spektakulärsten Fälle scheinen öffentlich zu werden. Für Aufsehen hatte etwa ein Fall in Niedersachsen gesorgt, bei dem ein 14-jähriger Gymnasiast einen Lehrer bei einer Klassenfahrt mit einem Schnürsenkel gewürgt haben soll. Der Lehrer hatte ihm das Handy abgenommen. Der Fall landete im Frühjahr vor Gericht.

Beckmann zählt anonym gebliebene Fälle auf - und da werden nicht nur Schüler , sondern auch Eltern verbal gewalttätig: Eine junge Lehrerin sei in der Klassen-WhatsApp von den Eltern als "Schlampe" oder "Hure" diffamiert worden. In einem anderen Fall sei eine Grundschullehrerin von Eltern massiv angegriffen worden, weil sie mit ihrer Klasse eine Moschee besucht hatte. Die Eltern hätten den Namen der Lehrerin "in einschlägigen Foren" veröffentlicht und mit Gewalt gedroht. "Sie entfachten so ein permanentes Angstszenario", sagt Beckmann.

Nach Einschätzung von VBE-Chef Beckmann liegen die Gründe für die zunehmende Gewalt in der allgemeinen Verrohung der Gesellschaft. Autoritäten würden nicht mehr anerkannt. "Respekt vor dem anderen gibt es nicht."

Vor allem die Sprache verroht. Lehrerverbände etwa in Nordrhein-Westfalen und Bayern haben in eindringlichen Appellen davor gewarnt. "Wir erleben eine Aggressivität, eine Sprache des Hasses, der Geringschätzung und Diskriminierung, persönliche Beleidigungen, bewusste Kränkungen und Ausgrenzung in Wort und Handeln", hieß es darin. Damit werde der Boden auch für physische Gewalt bereitet. Ilka Hoffmann, Vorstandsmitglied der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), sieht ein allgemeines Imageproblem von Lehrern, das zu den Aggressionen führe. Oft komme es bei Veranstaltungen zum "Lehrer-Bashing". "Es fehlt an Rückendeckung in der Politik und der Öffentlichkeit für den Berufsstand."

Meinung:

Kein Kavaliersdelikt

Von SZ-Redakteur Joachim Wollschläger

Die Ausfälle gegen Lehrer sind weit mehr als ein Kavaliersdelikt. Sicher wünschen wir uns nicht mehr die Verhältnisse vom Anfang des vergangenen Jahrhunderts zurück, als der Rohrstock im Klassenzimmer die Disziplin diktierte. Wenn es aber zu verbalen und sogar körperlichen Angriffen gegen Lehrer kommt, muss man sich über die Gesellschaft schon Gedanken machen. Schule ist keine lästige Pflicht, sondern die Chance, Wissen für das Leben zu erwerben. Und die Lehrer sind es, die uns das ermöglichen. Das sollte vielleicht wieder stärker ins Bewusstsein zurückkehren.