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Autobahnschütze muss hinter Gitter

Autobahnschütze muss hinter Gitter

Volle Rastplätze, ewiger Stau, Überfälle durch Kollegen – der Fernfahrer aus Kall ist genervt. Irgendwann entlädt sich dieser Frust. Es folgt ein bisher einzigartiger Fall in der deutschen Kriminalgeschichte.

Er wollte seinem Ärger Luft machen. Hunderte Male schießt ein Fernfahrer deshalb während der Fahrt auf Lastwagen. Doch Querschläger treffen auch Autos. Seinetwegen kommen mehrere Menschen nur knapp mit dem Leben davon. Jahrelang sucht die Polizei den Schützen, der es vor allem auf Autotransporter abgesehen hat. Mehr als 700 Schüsse registrieren die Ermittler zwischen 2008 und 2013. Erst dank der massenhaften Erfassung von Autokennzeichen an sieben Autobahnabschnitten kommen sie ihm im Juni 2013 auf die Spur. Zwei Pistolen, ein Schießkugelschreiber und rund 1300 Schuss Munition finden die Einsatzkräfte.

Der 58-jährige Michael K. aus Kall in der Nordeifel ist gestern zu einer Haftstrafe von zehneinhalb Jahren verurteilt worden - unter anderem wegen vierfachen versuchten Mordes. Die Kammer könne "Selbstjustiz auf deutschen Autobahnen" nicht dulden, sagt der Vorsitzende Richter Burkhard Pöpperl zur Urteilsverkündung. Der Angeklagte nimmt das Urteil mit ernstem Blick und ohne weitere Reaktion auf. Er hatte die Taten von Anfang an gestanden und sich bei den Opfern seiner Schüsse entschuldigt. Er habe nie jemanden verletzten wollen und immer nur auf die Aufbauten der Transporter gezielt, beteuerte er im Prozess. Die Strafkammer des Landgerichts Würzburg sieht das anders. "Fehlschüsse, Durchschüsse waren nicht ausgeschlossen und wurden von Ihnen bewusst in Kauf genommen", sagt Pöpperl. Er habe "um ein Haar ein Leben ausgelöscht". Sein Handeln sei heimtückisch gewesen. Davon sind die Richter überzeugt. Der Fernfahrer schoss aus dem Verborgenen, zum Teil über mehrere Fahrspuren und mehrere hundert Meter hinweg. Er habe "Russisch Roulette" gespielt. "Von ihm ging eine tödliche Gefahr aus."

Der gelernte Werkzeugmacher bastelte seine Waffen, die Schalldämpfer und Munition zum Teil selbst. Dabei schien er ein Doppelleben zu führen. Kollegen beschrieben ihn als ehrlich, zuverlässig, vernünftig und hilfsbereit. Doch am Steuer war er auf Rachefeldzug, frustriert und voller Hass. Der Grund dafür: übervolle Rastplätze, stundenlange Staus und Überfälle durch Kollegen. Mit der einen Hand lenkte er, mit der anderen hielt er die Pistole und feuerte auf die Ladung vorbeifahrender Lastwagen.

Der Fall, den BKA-Chef Jörg Ziercke als "bislang einzigartig in der Geschichte" beschrieben hat, wird noch ein Nachspiel haben. Die Verteidigung will Revision gegen das Urteil einlegen und vor den Bundesgerichtshof ziehen.