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"Appell an niedere Instinkte"

"Appell an niedere Instinkte"

Berlin. Die laufende Staffel der Dschungelshow "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!" läuft bestens für RTL. Gute Quoten, sensationelle Marktanteile. In der Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen verfolgten am vergangenen Samstag 4,87 Millionen Zuschauer das Treiben im australischen Dschungel. Der Marktanteil lag laut RTL hier bei 42,1 Prozent

Berlin. Die laufende Staffel der Dschungelshow "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!" läuft bestens für RTL. Gute Quoten, sensationelle Marktanteile. In der Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen verfolgten am vergangenen Samstag 4,87 Millionen Zuschauer das Treiben im australischen Dschungel. Der Marktanteil lag laut RTL hier bei 42,1 Prozent. Im Schnitt bringt es die Sendung auf etwa 30 Prozent Marktanteil. Auch andere Fernsehformate, in denen Promis oder Normalbürger vorgeführt werden, laufen gut. Manchen überkommt da Unbehagen. Doch genaues Hinsehen hilft.

Die Qualen der Kandidaten

Erste Erklärung: nachwachsende Zuschauer. Vor allem junge Leute gucken die Geschehnisse im australischen Camp, wie die Einschaltquoten-Vermarkter von Media Control nach den ersten Sendungen mitteilten. Vielleicht einfach, weil sie damit schon aufwuchsen oder weil die Dschungel-Promis Ähnliches bieten wie die unzähligen Schadenfreude-Schnipsel bei "YouTube"?

Roger Willemsen meinte bereits vor Jahren, bei vielen Sendungen blieben die Zuschauer heute "durch eine Art Konträr-Faszination" hängen. Der Autor und Moderator geht von Zuschauern aus, die vor der Glotze denken: "Gott sei Dank bin ich nicht so wie die da."

Das sieht Joan Kristin Bleicher, Medienwissenschaftlerin der Universität Hamburg, ähnlich. Sie nimmt das Dschungelcamp genauer unter die Lupe: "Das Format kombiniert erfolgsbewährte Unterhaltungs- und Boulevard-Elemente mit dem Appell an die niederen Instinkte und die Ekelgefühle der Fernsehzuschauer."

Das Erfolgsrezept der Show sei einfach: "Die Zuschauer weiden sich an den Qualen der Kandidaten." Gleichzeitig erlebe man "Stars" scheinbar privat und ungeschminkt.

Bleicher analysiert die Faktoren: exotisches Setting diverser Dschungel-, Indiana-Jones- und Tarzan-Filme, Dauerbeobachtungsprinzip wie in der Reality-Show "Big Brother", Gameshow-Elemente, wechselseitige Beobachtung der Mitwirkenden, skurrile Promis in problematischen Situationen sowie medienkritische Comedy in den Kommentaren von Dirk Bach und Sonja Zietlow.

Grenzen verschwinden

Bleicher sagt, schon immer seien im Fernsehen so genannte Confrontainment-Strategien erfolgreich gewesen: "Wenn andere leiden oder sich streiten, sehen wir hin und sind erleichtert, dass es uns nicht passiert." Die Dschungelshow trage dazu bei, dass die Grenzen zwischen geschütztem privatem Lebensraum und Öffentlichkeit schwinden. Werte wie Menschenwürde oder das Recht auf körperliche Unversehrtheit verlieren an Bedeutung, wie die Wissenschaftlerin sagt.

 Thomas Rupprath (links) und Jay Khan im Dschungelcamp. Khan zeigt eindrucksvoll, warum die Käsefrucht, die er essen musste, auch "Kotzfrucht" genannt wird. Foto: RTL/Stefan Menne
Thomas Rupprath (links) und Jay Khan im Dschungelcamp. Khan zeigt eindrucksvoll, warum die Käsefrucht, die er essen musste, auch "Kotzfrucht" genannt wird. Foto: RTL/Stefan Menne

Nach Bleichers Meinung sollten öffentlich-rechtliche Sender bei ihrer Kritik gegenüber den Privaten nicht vergessen, dass sie selber solche Shows zeigten - in den 80er Jahren beispielsweise "Vier gegen Willi". Damals wurde vor den Augen der Kandidaten zum Beispiel die Wohnungseinrichtung oder das Auto zerstört.