Als ein Krimi die Straßen leer fegte

Als ein Krimi die Straßen leer fegte

Berlin. Nie wieder hat ein Fernsehkrimi solch eine Einschaltquote erreicht wie vor 50 Jahren "Das Halstuch" von Francis Durbridge. Weil der ARD-Sechsteiler rund 90 Prozent der Fernsehzuschauer in ihren Bann schlug, schrieben Medien vom "Straßenfeger": Alle blieben zu Hause

Berlin. Nie wieder hat ein Fernsehkrimi solch eine Einschaltquote erreicht wie vor 50 Jahren "Das Halstuch" von Francis Durbridge. Weil der ARD-Sechsteiler rund 90 Prozent der Fernsehzuschauer in ihren Bann schlug, schrieben Medien vom "Straßenfeger": Alle blieben zu Hause. Kinos und Volkshochschulen beschwerten sich, dass ihr Publikum ausblieb, wenn die "Halstuch"-Folgen liefen. Mit dem legendären TV-Ereignis verbunden ist zugleich der erste Fernsehskandal der Bundesrepublik: Der Kabarettist Wolfgang Neuss verriet in einer Zeitungsanzeige den Halstuch-Mörder.Am 3. Januar 1962 lief die erste, 40 Minuten lange Folge nach der "Tagesschau" ab 20.20 Uhr. Mit zwei bis drei Tagen Abstand ging es weiter. Damals gab es in den Fernsehgeräten nur ein einziges Programm: das Deutsche Fernsehen der ARD. Erst im März 1963 ging das ZDF auf Sendung, und 1964 startete das erste Dritte Programm eines Senders der ARD. In dieser Frühzeit des deutschen Fernsehens standen erst schätzungsweise drei bis vier Millionen Fernseher in den Wohnstuben der Bundesrepublik. Viele saßen gemeinsam mit Verwandten und Nachbarn vor der schwarz-weißen "Flimmerkiste" und gruselten sich im Schutz der Gruppe etwas weniger.

"Das Halstuch", eine WDR-Produktion unter der Regie von Hans Quest, spielt in Littleshore, einem kleinen Ort in der Nähe von London. Der gehbehinderte Musiker Edward Collins (Hellmut Lange) wartet vergeblich auf seine Schwester Fay, die zu ihrem Geburtstag zu ihm kommen wollte. Sie ist mit einem Schal erdrosselt worden. Ein Fall für Inspektor Harry Yates (Heinz Drache) und Sergeant Jeffries (Eckard Dux) von Scotland Yard. Marian Hastings (Margot Trooger) hat ihre Freundin Fay Collins noch in Begleitung eines Mannes gesehen. Mit dieser Aussage gerät der Verleger Clifton Morris (Albert Lieven) ins Visier der Ermittler. In der dritten Folge am 7. Januar bekommen die Zuschauer den zweiten Mord des Halstuch-Mörders zu sehen. Die Leiche wird in der Wohnung des Verlegers gefunden. Tatwerkzeug war wieder ein Halstuch. Doch Morris hat ein sicheres Alibi. Später stirbt noch Dinah Winston (Eva Pflug), und eine Erpresserin kommt ins Spiel. Verstrickt in den Fall scheinen der Gutsbesitzer Alistair Goodman (Erwin Linder), der Vikar Nigel Matthews (Horst Tappert), der Maler John Hopedean (Dieter Borsche) und die Tänzerin Kim Marshall (Erika Beer).

Das ganze Land fieberte mit und rätselte, wer wohl der Halstuch-Mörder sein könnte. Die Überraschung war allerdings am Ende für viele dahin. Denn am Tag vor der Ausstrahlung der letzten Folge erschien eine Zeitungsanzeige mit Werbung für den Kinofilm "Genosse Münchhausen": "Ratschlag für morgen: Nicht zu Hause bleiben, denn was soll's: Der Halstuch-Mörder ist Dieter Borsche. Also: Mittwochabend ins Kino. Ein Kinofan (Genosse Münchhausen)." Dahinter steckte der Schauspieler und Kabarettist Wolfgang Neuss. Dieser hatte nach einem Bericht des SWR am 16. Januar 1962 fünf Anrufe von Reportern bekommen, die Prominenten-Tipps auf den Halstuch-Mörder sammelten. Neuss sei davon genervt gewesen. "Er ruft seine Mutter an und fragt sie 'Wer ist der Halstuchmörder?'", berichtete der Südwestrundfunk Jahrzehnte später. "Und Frau Neuss weiß: 'Es ist Dieter Borsche.'" Die Entrüstung über den "Spielverderber der Nation" ist groß. Es kam sogar zu Morddrohungen, und die "Bild" bezeichnete Neuss als "Vaterlandsverräter". Dessen Kinofilm wollte danach kaum jemand sehen.

Neuss sagte später angeblich, er habe den Mörder nur erraten. Genauer will es der SWR erfahren haben: "Woher wusste Neuss' Mutter eigentlich, dass Dieter Borsche der Halstuch-Mörder war? Nun ja, das war so: Die Fußpflegerin von Mutter Neuss behandelte zufällig auch die Gattin von Dieter Borsche. Und die hatte es ihr verraten."Foto: dpa