Achtung, Spinne!

Münster. An der Wand sitzt eine dicke, schwarze Spinne. Selbst aus der Entfernung sind die Haare an ihrem Körper deutlich zu erkennen. Kann es sein, dass der Raum allmählich enger wird? Plötzlich scheint die Spinne ganz nah, sie ist ungefähr faustgroß. Acht lange, dünne Beine bewegen sich immer schneller um sie herum. Das Herz rast, die Hände zittern, alles wird schwarz

Münster. An der Wand sitzt eine dicke, schwarze Spinne. Selbst aus der Entfernung sind die Haare an ihrem Körper deutlich zu erkennen. Kann es sein, dass der Raum allmählich enger wird? Plötzlich scheint die Spinne ganz nah, sie ist ungefähr faustgroß. Acht lange, dünne Beine bewegen sich immer schneller um sie herum. Das Herz rast, die Hände zittern, alles wird schwarz.

"Der Nächste bitte!", sagt Professor Peter Zwanzger von der Uniklinik Münster. Die furchteinflößende Spinne hat es glücklicherweise nur am Bildschirm gegeben. In der Klinik für Psychiatrie und Psychologie bekämpfen Angstforscher Phobien mit einem bundesweit einzigartigen Verfahren: am Computer. Statt sich den Spinnen im Zoo zu nähern, begegnen Patienten dem Objekt in der virtuellen Realität. "Die Reaktion ist genauso wie in einer realen Situation", sagt Forschungsleiter Zwanzger. "Am Computer lässt sich die Intensität leichter kontrollieren."

Um sich ihren Phobien in der virtuellen Welt zu stellen, müssen Patienten eine Spezialbrille aufsetzen. Jedes Auge schaut dabei durch einen eigenen Bildschirm, so dass ein dreidimensionaler Effekt entsteht. Um die körperliche Reaktion auf dunkle Tunnel oder schwindelerregende Höhen zu messen, werden Teilnehmer zunächst von den Forschern verkabelt, dann wird der Raum abgedunkelt.

Die Wirkung der virtuellen Therapie belegen nach Angaben der Wissenschaftler Studien internationaler Forschungsgruppen. "Das Verfahren wird in Amerika schon erfolgreich in der Praxis angewendet", sagt Andreas Mühlberger von der Universität Würzburg. Unter seiner Leitung wurden die Computer-Welten für das Verfahren entwickelt.

In Münster testen Forscher die Methode zunächst an 100 Probanden. Der erste Patient soll dann Anfang 2010 schrittweise von seiner Phobie befreit werden. "Man fängt immer leicht an und steigert dann die Intensität", erklärt Zwanzger. Dabei gebe es verschiedene Stufen der "Angsthierarchie". Etwa zehn Sitzungen seien nötig, um Betroffene von ihrer unbegründeten Furcht zu befreien. Bei der Standard-Therapie liege die Erfolgsquote bei mehr als 80 Prozent.

"Die virtuelle Methode ist mindestens genauso wirksam", meint der Angstforscher. Zudem sei das Verfahren günstiger. Eine Standard-Therapie koste 80 Euro pro Sitzung. Patienten mit einer Phobie vorm Fliegen etwa müssten jeden Flug selbst bezahlen. "Mit dem Computer kann man die phobische Situation in das Arbeitszimmer des Therapeuten holen", sagt Zwanzger. Betroffene seien außerdem eher bereit, sich ihrer Phobie in der virtuellen Welt zu stellen. Sie wüssten: "Dort kann mir nichts passieren."

Besonders häufig nehmen Frauen auf dem Therapiestuhl Platz. "Es ist grundsätzlich so, dass Frauen doppelt so oft an Angsterkrankungen leiden wie Männer", sagt Zwanzger. Phobien seien häufig genetisch bedingt und würden schon im Kindesalter beginnen. Insgesamt gebe es mehr als 150 verschiedene Arten. Am häufigsten sei die krankhafte Angst vor Spinnen, Tunneln und Höhe. "Betroffene vermeiden diese Situationen bewusst", berichtet Zwanzger. "Dadurch können sie ihren Alltag aber häufig nicht mehr bewältigen."

Aus der furchteinflößenden Situation gibt es am Bildschirm kein Entkommen. Anders als im Alltag können Betroffene nicht einfach fliehen: "Man kann dabei weder ausweichen noch drauftreten", so der Forschungsleiter.