Acht Jahre Knast für den Guru

Paris/Bordeaux. Er hat seine Opfer über neun Jahre hinweg isoliert, manipuliert, terrorisiert - dafür muss Thierry Tilly jetzt fast ebenso lange ins Gefängnis, nämlich acht Jahre

Paris/Bordeaux. Er hat seine Opfer über neun Jahre hinweg isoliert, manipuliert, terrorisiert - dafür muss Thierry Tilly jetzt fast ebenso lange ins Gefängnis, nämlich acht Jahre. Der Prozess um den "Guru von Monflanquin" der gestern mit dem Urteil endete, galt als einer der kuriosesten französischen Justizfälle der vergangenen Jahre, zumal der Angeklagte das Gericht in Bordeaux als Bühne für bizarre Auftritte und Verlautbarungen nutzte. Etwa wenn er behauptete, ein Spross der Königsfamilie von Habsburg zu sein, Sohn eines "Kampfschwimmers" und einer früheren Eiskunstlauf-Olympiateilnehmerin - leicht zu widerlegende Lügen. "Ein bisschen falsch, ein bisschen wahr, ein bisschen absurd: Vermischen Sie all das und Sie haben Thierry Tilly", spottete der Staatsanwalt Pierre Bellet.Dabei ist nicht komisch, was dem 48-jährigen Tilly zur Last gelegt wird: Systematisch hat er eine elfköpfige Aristokraten-Familie im Alter zwischen 15 und 87 Jahren aus dem südfranzösischen Ort Monflanquin dauerhaft unter seinem Einfluss gehalten und sie ruiniert, psychisch wie finanziell: Bis zu fünf Millionen Euro gingen im Laufe der Zeit in seinen Besitz über, finanzierten seinen Lebensstil und den seines Komplizen Jacques Gonzales, der zu einer vierjährigen Gefängnisstrafe verurteilt wurde.

Gerichtspräsidentin Marie-Elisabeth Bancal bescheinigte Tilly, Urheber eines "machiavellistischen Komplotts" gewesen zu sein. Die Staatsanwaltschaft hatte die Höchststrafe von zehn Jahren Gefängnis gefordert. Seit 1999 hatte der rhetorisch geschickte Mann allmählich das Vertrauen der Familie Védrines gewonnen, dabei interne Eifersüchteleien ausgenutzt, um ihre Mitglieder gegeneinander aufzuhetzen - so sehr, dass diese eine von ihnen tagelang ohne Nahrung und Schlaf festhielten, damit sie "das Versteck eines imaginären Schatzes" preisgebe, wie sie vor Gericht erklärte: "Wir waren in einer anderen Welt, psychisch und psychisch sehr erschöpft." Und isoliert: Da er sie von einem mörderisches Komplott überzeugte, verschanzten sie sich in ihrem Schloss und warteten auf seine Handlungsanweisungen. Ein Teil der Familie siedelte schließlich nach Großbritannien um, wo er lebte, fand Arbeit - und überwies ihm den Lohn. Tilly verwalte das Geld zu ihrem Vorteil, versicherte er, der sich als Geheimagent, Profi-Sportler, genialer Informatiker und Jurist zugleich präsentierte. Erst 2009 wurden die Behörden eingeschaltet und die Védrines von ihrem Horror-Guru befreit.

Er habe gedacht, eine Familie, die solche aberwitzigen Geschichten glaubte, müsse ein "Clan-Degenerierter" sein, sagte einer der psychologischen Sachverständigen aus - bis er feststellte: Es handelte sich um ganz normale Leute. Die Ereignisse haben sie allerdings zerteilt, einige von ihnen befinden sich noch immer in Betreuung. Tilly habe ihr jahrelang "eine psychologische Pistole an der Schläfe" gehalten, sagte eine junge Frau aus. Von den fast fünf Millionen Euro ist nur ein Bruchteil geblieben. "Früher zahlte die Familie Reichensteuer, heute bekommt sie Sozialhilfe", erklärte ihr Anwalt, Daniel Picontin.

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