Abschied von einem „Engel“

Abschied von einem „Engel“

Die Studentin Tugçe A. wollte schlichten und zahlte dafür mit ihrem Leben. Die Anteilnahme der Menschen in ganz Deutschland ist groß. Am Abend hatten die Eltern entschieden: Tugçe soll nicht mehr künstlich am Leben gehalten werden.

Weiße Luftballons, Kerzen und zahlreiche Abschiedsgrüße: Mit einer bewegenden Mahnwache haben hunderte Menschen am Freitagabend in Offenbach Tugçe A. gedacht. An ihrem 23. Geburtstag sollte die vor ein paar Tagen bereits für hirntot erklärte Studentin sterben. Der Fall der Lehramtsstudentin aus Gelnhausen sorgte für bundesweite Anteilnahme. Die Eltern der Studentin ließen über einen Freund der Familie erklären, dass noch am Freitag die lebenserhaltenden Geräte abgestellt werden sollen. Wie er weiter sagte, trug Tugçe seit längerer Zeit einen Organspenderausweis, deshalb würden ihre Organe freigegeben.

Den genauen Tathergang, bei dem die junge Frau niedergeschlagen wurde, konnte die Staatsanwaltschaft bislang nicht ermitteln. Nach den bisherigen Erkenntnissen hatte eine Gruppe Männer am 15. November im Toilettenbereich eines Schnellrestaurants zwei laut Zeugenaussagen etwa 13 bis 16 Jahre alte Mädchen belästigt. Tugçe soll dazwischengegangen sein. Kurz darauf soll ein 18-Jähriger die Studentin auf dem Parkplatz vor dem Restaurant niedergeschlagen haben, bei dem Aufprall auf dem Kopfsteinpflaster zog sie sich die letztlich tödlichen Verletzungen zu.

Der 18-Jährige sitzt in Untersuchungshaft und schweigt bislang zum Tathergang. Wie es zu dem Schlag kam, ist noch unklar. Auch die mutmaßlichen Belästigungsopfer haben sich nach Angaben der Polizei vom Freitag als Zeugen noch immer nicht gemeldet. Sie sollen Zeugenaussagen zufolge stark betrunken gewesen sein.

Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU ) und der stellvertretende Ministerpräsident Tarek Al-Wazir (Grüne) sprachen der Familie ihr Beileid aus. "Wir sind tief betroffen von der Gewalttat und dem sinnlosen Ende dieser jungen Frau". Es sei schlimm, "eine Tochter zu verlieren, die ihr ganzes Leben noch vor sich hatte", erklärten sie in Wiesbaden. Bouffier sagte zudem dem Hessischen Rundfunk, er wolle Tugçe für das Bundesverdienstkreuz vorschlagen. Sie sei eine sehr tapfere Frau gewesen. Ihr Vermächtnis solle sein, dass Gewalt in der deutschen Gesellschaft keinen Platz habe.

Vor der Offenbacher Sana-Klinik versammelten sich Menschen aus ganz Deutschland zu einer Mahnwache. Zwei Arbeitskollegen von Tugçes Vater zeigten sich tief bewegt. "Ich habe eine Gänsehaut, das Mädchen ist ein Engel. Wir sind hier, um den Schmerz zu teilen", sagte einer der Männer. Der zweite nannte es "ganz selten", dass sich jemand so wie Tugçe für andere einsetze. Ihre Freunde wollten Luftballons in den Abendhimmel steigen lassen mit Postkarten mit einem Zitat, das Tugçe einmal bei Facebook gepostet hatte: "Den Garten des Paradieses betritt man nicht mit den Füßen, sondern mit dem Herzen."

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