50 000 Tonnen Schummel-Fleisch

Amsterdam. Es geht um 50 Millionen Kilogramm Fleisch. Eine unvorstellbare Menge. Sie entspricht der Ladung von 2000 großen Lastwagen - und muss nun in 16 Ländern aufgespürt werden, vor allem in den Niederlanden, Deutschland, Frankreich und Spanien. Keiner weiß, ob diese Ware Pferdefleisch enthält und ob es schädlich ist. Genau das ist das Problem

Amsterdam. Es geht um 50 Millionen Kilogramm Fleisch. Eine unvorstellbare Menge. Sie entspricht der Ladung von 2000 großen Lastwagen - und muss nun in 16 Ländern aufgespürt werden, vor allem in den Niederlanden, Deutschland, Frankreich und Spanien. Keiner weiß, ob diese Ware Pferdefleisch enthält und ob es schädlich ist. Genau das ist das Problem.

Die Rückrufaktion der niederländischen Kontrollbehörde für Lebensmittel löste gestern eine Schockwelle in Europa aus. "Allein in Deutschland sind bis auf das Saarland und Bremen alle Bundesländer betroffen", erklärt Sabine Schorr, die Sprecherin des Saar-Verbraucherschutzministeriums, der Saarbrücker Zeitung. 124 Fleischer, Metzger und Lebensmittelfirmen hätten seit 2011 falsch deklariertes Pferdefleisch erhalten, meldet das Bundes-Verbraucherschutzministerium.

Doch woher kommt das Schummel-Fleisch: Die Spuren weisen in die Niederlande. Im kleinen Städtchen Oss im südniederländischen Brabant ist der Betrieb des Fleischgroßhändlers Willy Selten. Gut 125 Mitarbeiter sind "Experten im Entbeinen und Verarbeiten von Fleisch", meldete das Unternehmen noch im März auf seiner Internetseite. Es verkaufte Fleisch an Zwischenhändler und fleischverarbeitende Betriebe in ganz Europa. Doch dann gerät das Unternehmen in Geldnot und soll zum billigen Pferdefleisch gegriffen haben. Das verkaufte der Händler dann als reines Rindfleisch, meldeten Mitarbeiter bereits anonym im Dezember den Behörden.

Als dann im Februar in Europa Pferdefleisch in Lasagne und Hackbällchen gefunden wird, fällt der Name von drei niederländischen Unternehmen. Eins davon ist der Handel von Willy Selten. Tatsächlich finden die Kontrolleure am 15. Februar in zwei seiner Proben Pferdefleisch. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen den Unternehmer wegen Betrugs, Urkundenfälschung und Geldwäsche.

Selten tat das als menschlichen Fehler ab. "So viel Aufregung, dabei geht es höchstens um ein Pferd", sagte er damals dem niederländischen Fernsehen. Doch bis zum Mittwochmorgen konnte er der Behörde nicht nachweisen, wo das Fleisch herkam, das er in den vergangen zwei Jahren verarbeitet und verkauft hatte.

Damit begann die größte Rückrufaktion der niederländischen Geschichte. "Wenn wir die Herkunft des Fleisches nicht wissen", so erklärte der Sprecher der Kontrollbehörde, Benno Bruggink, "dann können wir auch die Sicherheit nicht garantieren". Auch wenn es keine konkreten Hinweise auf Gesundheitsgefahren gibt, die Behörde musste handeln.

Bisher ging es bei dem Pferdefleischskandal um eine Vertrauensfrage. Die Volksgesundheit war nicht in Gefahr, denn Pferdefleisch ist nicht schädlich. Nationale Regierungen und die EU-Kommission versprachen strengere Kontrollen. Schließlich hat der Verbraucher ein Recht darauf zu wissen, was in seinem Hamburger oder seiner Gulaschsuppe steckt.

Doch beim niederländischen Skandal geht es nun nicht mehr nur um eine Geschmacksache. Die Kontrollbehörde kann nämlich nicht ausschließen, dass der Händler Selten mit unkontrolliertem Pferdefleisch panschte. Und das könnte für Menschen schädliche Medikamente oder sogar Krankheitskeime enthalten. Es ist fraglich, ob es je Gewissheit geben wird. Denn das meiste der 50 000 Tonnen Fleisch wird bereits verzehrt sein. Das, was in Tiefkühlgerichten verarbeitet wurde, muss nun aufgespürt und untersucht werden. Erst dann wird man wissen, ob tatsächlich Pferdefleisch beigemischt wurde und dies schädliche Stoffe enthielt.

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