Wladimir Putins furchtloser Gegner

Wladimir Putins furchtloser Gegner

Moskau. Bürgermeister von Moskau wäre er längst geworden. Wenn es die Abstimmung nicht nur im Internet gegeben hätte. Nun soll er Präsident werden, sagen seine Fans im Netz. Soll im März gegen Wladimir Putin antreten - als Kandidat der Opposition. Alexej Nawalny aber will nicht. Er darf es auch gar nicht. Russlands bekanntester Blogger ist nun vorbestraft

Moskau. Bürgermeister von Moskau wäre er längst geworden. Wenn es die Abstimmung nicht nur im Internet gegeben hätte. Nun soll er Präsident werden, sagen seine Fans im Netz. Soll im März gegen Wladimir Putin antreten - als Kandidat der Opposition. Alexej Nawalny aber will nicht. Er darf es auch gar nicht. Russlands bekanntester Blogger ist nun vorbestraft. 15 Tage Haft hat er hinter sich, als er mitten in der kalten Nacht zu Mittwoch aus dem Gefängnis im Südosten Moskaus tritt. "Wir wurden in einem Land festgenommen, in einem anderen lässt man uns wieder frei", sagt er vor Journalisten und Anhängern. Nach Protesten gegen die mutmaßlich gefälschte Parlamentswahl hatte ein Moskauer Gericht Nawalny vor zwei Wochen in einem Schnellverfahren verurteilt - wegen Ungehorsams gegen die Staatsgewalt. Nicht zuletzt deshalb ist der 35-Jährige zum Star der Nicht-Einverstandenen avanciert.Nawalny ist Anwalt - aber kein gewöhnlicher. Er vertritt die Rechte kleiner Anleger. Seine Methode: "Shareholder Activism". Der Blogger besitzt Aktien an 30 russischen Staatskonzernen, vom weltgrößten Erdgasförderunternehmen Gazprom, vom Pipeline-Betreiber Transneft oder von der Sberbank, der größten Bank des Landes. Als Minderheitenaktionär will er wissen, warum er keine Dividenden erhält und fordert den Zugang zu internen Firmendaten. 2007 fragte er zum ersten Mal nach - zu diesem Zeitpunkt ging die Außenhandelsbank WTB an die Börse. Also kauften Kleinaktionäre in Scharen diese Volksaktie. Zwei Jahre später war ihr Geld weg. Investiert in Bohranlagen aus China, für die eine zypriotische Offshore-Firma WTB eine viel zu hohe Rechnung ausgestellt habe, so die Nachforschungen Nawalnys. Der direkte Verlust: 160 Millionen Dollar, sagte der Blogger und verklagte die Bank. Sein Kampf gegen die Korruption begann. Mit gut recherchierten Vorwürfen stellt er seitdem die Mächtigen bloß.

Auf dem Bestechungsindex von Transparency landete Russland in diesem Jahr auf Rang 143 von 182 möglichen Plätzen und steht damit auf derselben Stufe wie Nigeria oder Uganda. Die Staatsspitze sagt der Korruption in nahezu jeder Rede den Kampf an. Doch es geschieht wenig. Nawalny dokumentiert seine Angriffe gegen die russischen Industrieriesen in seinem Blog - und nennt das Politik. Von ihm stammt auch die Bezeichnung "Partei der Gauner und Diebe" für die Regierungspartei "Einiges Russland". Mittlerweile ist sie zum geflügelten Wort in Russland geworden.

Beim "Russischen Marsch" vor Wochen in Moskau, bei dem Nationalisten zu Tausenden "Russland den Russen" forderten, war auch Nawalny vorn mit dabei. Er ist längst vom Online- in den Offlinebereich gewechselt, ist seit seiner Festnahme nicht nur für seine digitale Fangemeinde ein Held. Er verknüpft nun gekonnt beide Welten. Auch am Mittwoch half Twitter. Denn die Behörden verrieten zunächst nicht, wo der Blogger in die Freiheit entlassen wird. Also postierten sich seine Fans vor möglichen Polizeistellen und verschickten Nachrichten, sobald sie etwas in Erfahrung gebracht hatten. Unscharfe, wacklige Bilder vom erschöpften Nawalny gingen so um die Welt.Foto: dpa

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