Wladimir Putin hat ersten Zugriff auf Kreml

Moskau. In Russland bleibt es die spannendste Frage des Sommers: Kandidiert Präsident Dmitri Medwedew 2012 für eine zweite Amtszeit - oder kehrt Regierungschef Wladimir Putin in den Kreml zurück? Einer Antwort weicht das Führungstandem seit Monaten aus

Moskau. In Russland bleibt es die spannendste Frage des Sommers: Kandidiert Präsident Dmitri Medwedew 2012 für eine zweite Amtszeit - oder kehrt Regierungschef Wladimir Putin in den Kreml zurück? Einer Antwort weicht das Führungstandem seit Monaten aus. "Das ist wirklich nicht die originellste Frage", beschied Medwedew zu Wochenanfang in einem Interview der britischen Zeitung "Financial Times". Für Beobachter ist aber klar: Der Kremlchef selbst trifft diese Entscheidung nicht. Das letzte Wort hat Putin, er hat den Zugriff."Jeder Führer, der ein Amt wie das des Präsidenten innehat, muss schlicht wieder kandidieren wollen", sagt Medwedew zwar, rund neun Monate vor der Wahl. Doch es bleibt bei Anspielungen. Konkret äußern werde sich der Kremlchef im Herbst, kündigte Medwedews Berater Arkadi Dworkowitsch jüngst an.

Schon davor trommelt Putin die Regierungspartei Geeintes Russland zu einem Kongress zusammen. Offiziell geht es um die Auswahl der Kandidaten für die Duma-Wahl im Dezember. Doch laut Putins Sprecher Dmitri Peskow will Geeintes Russland auf dem nächsten Parteitag auch über seinen Präsidentenkandidaten abstimmen. Führende Vertreter der Putin-Partei sprechen sich öffentlich für den Ex-Kremlchef aus.

Direkt gegen Putin antreten - "mein Kollege und alter Kamerad" - will Medwedew nicht. Solch eine Konkurrenz sei schädlich für das Land, sagt der amtierende Präsident. Auch nach außen vermittelt das Duo Harmonie, etwa jüngst bei einer gemeinsamen Fahrradtour. Eine Kampfkandidatur hatten Beobachter immer wieder ins Spiel gebracht, um Vorwürfen undemokratischer Wahlen entgegenzutreten.

Zuletzt gab Medwedew verstärkt den Staatsmann: In dem Interview verurteilt er die Angriffe der Nato auf das libysche Regime, er droht mit einem russischen Veto im Falle einer UN-Resolution zu Syrien. Stattdessen will er sich als Vermittler profilieren. Den Friedensnobelpreis habe Medwedew für seine Bemühungen in Libyen verdient, verbreitet sein Sonderbeauftragter Michail Margelow.

Doch Medwedews versprochene innenpolitische Reformen laufen meist ins Leere. Auf dem internationalen Wirtschaftsforum in seiner Heimatstadt St. Petersburg kündigte der promovierte Jurist an, Moskau zum großen Finanzzentrum zu machen - wie er das schon 2008 tat. Von seiner Polizeireform blieb bislang den meisten nur die Umbenennung von "Miliz" in "Polizei" im Gedächtnis. Wiederholt beklagte Medwedew öffentlich, seine Anweisungen würden nicht umgesetzt. Ein Präsident Putin - so sagen viele - würde sich dergleichen nicht bieten lassen.

Medwedews Vorgänger und politischer Ziehvater hält sich in der P-Frage noch bedeckt. Doch seine Taten sprechen für sich. Erst vor wenigen Wochen rief Putin die Allrussische Volksfront ins Leben. Unter deren Schirm - angeschlossen an Geeintes Russland - sollen sich gesellschaftliche Gruppen und Großkonzerne sammeln. Dadurch will Putin mehr Wähler für Geeintes Russland anlocken, das bereits jetzt in der Duma über eine Zwei-Drittel-Mehrheit verfügt.

Das Ziel ist offensichtlich: Die russische Politik soll sich noch stärker auf Putin ausrichten. Der "nationale Führer" ist weiterhin mit deutlichem Vorsprung der beliebteste Politiker im größten Land der Erde.

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