Wieder eine Watsche

Das wird auch Angela Merkel wissen: Die gestrige Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts ist mehr als nur eine in der Sache "Sukzessivadoptionen". Sie ist ein neuerlicher deutlicher Fingerzeig in Richtung vollständiger Gleichstellung homosexueller Partnerschaften mit der Ehe

Das wird auch Angela Merkel wissen: Die gestrige Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts ist mehr als nur eine in der Sache "Sukzessivadoptionen". Sie ist ein neuerlicher deutlicher Fingerzeig in Richtung vollständiger Gleichstellung homosexueller Partnerschaften mit der Ehe. Das mag man gut finden oder nicht, aber Karlsruhe bleibt mit diesem Urteil seiner Linie treu: Von politischen Dogmen lassen sich die Richter nicht beeinflussen. Auch in diesem Fall haben sie die grundrechtliche Bewertung in Beziehung zu den tatsächlichen Lebensverhältnissen gesetzt. So muss es sein.Dieses Urteil ist wieder eine Watsche für die schwarz-gelbe Koalition in Berlin. Eigentlich hatte sich das Bündnis in seinem Koalitionsvertrag darauf verständigt, gleichgeschlechtlichen Paaren neue Rechte einräumen zu wollen. Dazu ist es bisher allerdings nicht gekommen, weil der Pragmatikerin Merkel und den anderen CDU-Modernisierern der Mut abhanden gekommen ist. Wenn zwei Drittel der Delegierten beim CDU-Bundesparteitag im vergangenen Dezember gegen die steuerliche Besserstellung von Homo-Ehen stimmen, dann glaubt offenbar auch die Bundeskanzlerin: Mit den Kurswechseln sollte man es besser nicht übertreiben, schon gar nicht für wichtige Veränderungen in der eigenen Partei werben. Nur: Genau deshalb ist die Union zum Getriebenen geworden - immer wieder durch Karlsruhe. Sie wirkt wie aus der Zeit gefallen. Das ist misslich, wenn man den hehren Anspruch hat, Veränderungen gestalten zu wollen. Und als Partei plant, sich im anstehenden Bundestagswahlkampf breiter inhaltlich aufzustellen, um mehr Wähler anzulocken.

Die Quittung für das Zaudern nicht nur bei der Gleichstellung hat die Union längst erhalten: Ein ums andere Mal hat die CDU in den großen Städten, wo homosexuelle Partnerschaften zur urbanen Normalität gehören, den Oberbürgermeister-Sessel räumen müssen oder hat ihn erst gar nicht erobert. Modernität hat gewiss nichts mit Anbiederei zu tun. Aber Werte wandeln sich, so wie die Gesellschaft sich wandelt. Dies zu erkennen und aufzugreifen, ist Aufgabe einer Volkspartei. Hier hat speziell die Union deutlichen Nachholbedarf, wie ihre Lage in den Kommunen belegt.

Nach dem Urteil dürfte nun an manchem Stammtisch heftig darüber diskutiert werden, ob es Kindern bei Schwulen und Lesben überhaupt gut gehen kann. Die Antwort darauf geben zahlreiche Forschungen. Sie belegen, dass Kinder in ihrer Entwicklung keine Nachteile erleiden, sondern tendenziell sogar Vorteile, weil sich homosexuelle Eltern mit ihrer Rolle und ihren Kindern bewusster auseinandersetzen als manch andere. Was will man mehr?