Wechselvolle Frauenkarriere führt in den Vatikan

Stuttgart · Im Bundestags-Wahlkreis Ulm-Donau schwankt man zwischen Freude und Enttäuschung. Die CDU-Bundestagsabgeordnete Annette Schavan wird im Sommer aus dem Parlament ausscheiden und als Botschafterin Deutschlands nach Rom zum Vatikan wechseln.

Bei der Bundestagswahl stand der CDU-Kreisverband zur Ex-Ministerin, sie war mit 96 Prozent nominiert worden, obwohl ihr die Universität Düsseldorf zuvor den Doktor-Titel wegen Plagiats-Verdachts entzogen und sie daher ihr Amt als Bundesforschungsministerin aufgegeben hatte. Gegen den Entzug des Doktors geht sie vor Gericht vor, im März soll entschieden werden. Und nun die Nachricht über ihren Wechsel in ein diplomatisches Amt, gerade mal vier Monate nach der Wahl.

"Schavan kündigt Basis", könnten die Überschriften nun lauten. Erneut eine Mandatsträgerin, die nach Jahren in Regierungsämtern nicht als einfache Abgeordnete in den Bänken des Buchstaben S wie Schavan sitzen mag. Mit dem Wechsel, den das Kabinett noch beschließen muss, den Schavan aber gestern bestätigte, geht eine wechselvolle politische Karriere zu Ende. Auch eine außergewöhnliche Frauenkarriere, für die sich ein Kreis schlösse. Regierungschef Erwin Teufel hatte Schavan 1995 von der bischöflichen Studienförderung Cusanus-Werk ins schwarz-gelbe Kabinett als Kultusministerin geholt. Die junge Frau mit der großen blauen Brille errang bald den Ruf der Ehrgeizigen, der scharfen Analytikerin mit mäßiger Geduld für mittelmäßige Argumente. "Schavanismus" beschrieb als Wortneuschöpfung ihre schulpolitische Umtriebigkeit. Schavan führte im Südwesten nicht nur Grundschulenglisch ein, sondern auch das bis heute umstrittene verkürzte Gymnasium, das "G8". Als Teufel sie - entgegen der Gepflogenheiten - 2004 zu seiner Nachfolgerin aufbauen wollte, formierten sich die Gegenkräfte in der Südwest-CDU. Der CDU-Fraktionsvorsitze Günther Oettinger, natürlicher Aspirant auf den Regierungsstuhl, setzte einen Mitgliederentscheid nach einigen Regionalkonferenzen durch. Der Wettstreit nahm an Schärfe zu, als Lesben-Gerüchte gegen Schavan gestreut wurden. In Tuttlingen wehrte sie sich gegen den Rufmord: "Wer es genau wissen will: Mir fehlen die Eignung, Lust und Neigung dazu." Die Verletzungen blieben, das Verhältnis zum Landesverband gilt als schwierig bis gleichgültig. Zuletzt votierte Schavan zum Ärger der Südwest-CDU für ein zweigliedriges Schulsystem.

Die Rheinländerin Schavan war Vizepräsidentin des Zentralkomitees der Deutschen Katholiken. Auch als Bundespräsidentin war sie im Gespräch. Seit sie 2013 als Bundesministerin zurücktrat, wurde spekuliert, ob Kanzlerin Angela Merkel ihre Vertraute ins Kabinett zurückholen würde. Da hatte Schavan aber wohl schon andere Pläne. Im Dezember sagte die 58-Jährige, sie strebe "kein neues politisches Amt" mehr an und öffne sich "für eine neue Lebensphase". Für Schavan ist es gewiss eine willkommene Gelegenheit und Genugtuung, ihren Kritikern nun tschüss zu sagen. Der Coup ist nahezu perfekt: Schavan bekommt protokollarisch alte Wichtigkeit zurück und ist ganz sicher eine perfekte Repräsentantin Deutschlands.