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Warum eine Jeans niemals nur 9,90 Euro kosten kann

Warum eine Jeans niemals nur 9,90 Euro kosten kann

Tausende nähen in Asien jeden Tag unter katastrophalen Bedingungen T-Shirts und Jeans, die in deutschen Kleiderschränken landen. Schon wieder brannte jetzt eine Fabrik in Bangladesch.

Spätestens seit den schweren Unglücken mit hunderten Toten innerhalb weniger Monate zögern viele Kunden beim Griff nach der Hose "Made in Bangladesch". Kleidung aus Asien aber kann man nur schwer aus dem Weg gehen. Das meiste, was hierzulande verkauft wird, kommt nunmal dorther, sagt der Hauptgeschäftsführer des Modeverbands German-Fashion, Thomas Rasch. Nach Zahlen des Statistischen Bundesamtes importierte Deutschland im vergangenen Jahr mehr als 1,17 Millionen Tonnen Bekleidung im Wert von fast 25,8 Milliarden Euro aus 130 Ländern. Etwa ein Drittel kam aus China, mit etwas Abstand folgen Bangladesch, die Türkei und Indien. Kleidung, die über die Niederlande, Italien und Frankreich eingeführt wird, kommt jedoch ebenfalls oft aus Niedriglohnländern.

Was für eine Untertreibung: Viele Näherinnen bekommen nach Informationen der Kampagne für Saubere Kleidung (CCC) nicht genug Geld, um sich und ihre Familien ausreichend zu ernähren. "Der Lohn reicht nicht aus, um ein Leben in Würde zu führen", sagt CCC-Expertin Kirsten Clodius. Dazu kommen sehr lange Arbeitszeiten und Sicherheitsmängel wie vergitterte Fenster und verriegelte Notausgänge. Häufig verbieten Fabrikbesitzer den Näherinnen das Reden und kontrollieren Toilettengänge. Menschenrechtler und Umweltschützer warnen zudem vor giftigen Farben und Kinderarbeit.

Verständlich, dass da viele ein schlechtes Gewissen bekommen, billige Kleidung zu kaufen. Das Problem: Auch Hochpreisiges wird oft in Asien genäht. "Der Verkaufspreis eines T-Shirts bei uns gibt keinen Aufschluss darüber, wo es hergestellt ist", sagt Clodius. In einer Fabrik wird oft für mehrere Auftraggeber gearbeitet. Darunter sind auch hochwertige Markenhersteller. Diese machen ein besonders gutes Geschäft: CCC rechnet damit, dass die Lohnkosten einer in Asien genähten 100-Euro-Jeans bei nur einem Euro liegen. Die Werbung mache 25 Euro aus, satte 50 Euro stecke der Handel ein. Was also tun? Hilft es, Kleidung aus Asien zu boykottieren? Den Näherinnen zumindest nicht. Sie haben darum gebeten, keine Boykottaufrufe zu starten, berichtet Clodius - aus Angst, ihre Arbeitsplätze zu verlieren. Laut Rasch könnte ein Boykott in Bangladesch 70 Prozent der Textil-Industrie zusammenbrechen lassen.

Doch irgendwie muss doch gehandelt werden. Der Modeverband sieht Produktionschefs und Politiker in den Herstellerländern in der Pflicht. Dort herrsche viel zu oft "ein Raubtierkapitalismus", sagt Rasch. Auch Kunden aus Deutschland könnten helfen: "Ich darf keine Jeans für 9,90 Euro kaufen!" Diese Preise seien mit normalen Arbeitsbedingungen nicht zu erreichen. Die Kampagne für Saubere Kleidung hält dagegen, dass auch hochpreisige Kleidung in den asiatischen Fabriken produziert wird. Die Unternehmen dürften sich nicht dahinter verstecken, dass sie nur Auftrag- und nicht Arbeitgeber seien.

Die Gewerkschaft Verdi hat übrigens ausgerechnet, was ein T-Shirt oder eine Bluse mehr kosten müsste, wenn deutsche Textilhändler in ihrer Kalkulation für jede Näherin im Monat 50 Euro mehr ausgeben würden. Es sind angeblich 12 Cent.