Warum Bayer nach Monsanto-Übernahme vor US-Gerichten unterliegt

Millarden-Urteile wegen Glyphosat in den USA : Warum Bayer in den Monsanto-Hurrikan gerät

Die Hoffnung für Bayer im Desaster um die Übernahme des US-Konzerns Monsanto liegt in einer Formel. Neun zu eins. Das heißt, nach der vorherrschenden Rechtssprechung in den USA darf der Strafschadenersatz höchstens neunmal so hoch ausfallen wie das Schmerzensgeld.

Dem an Lymphdrüsenkrebs erkrankten Ehepaar Alva und Albert Pilliod haben die Geschworenen eines Gerichts im kalifornischen Oakland wegen der unterstellten Folgen des Monsanto-Unkrautmittels Glyphosat bei 55 Millionen Dollar Schmerzensgeld indes gleich zwei Milliarden Dollar Schadenersatz zugesprochen, was einer Ratio von ungefähr 37 zu eins entspricht. Schon deshalb gehen Experten davon aus, dass die Zwei-Milliarden-Summe im nächsten Schritt noch deutlich gekürzt werden wird.

Nur ist das, nüchtern betrachtet, nicht mehr als ein Strohhalm der Hoffnung, an den sich der Konzern klammern mag. Auf juristischem Terrain geht die Reise ins Unbekannte, was jegliche Prognosen erschwert, wenn nicht unmöglich macht. 13 400 Klagen sind bisher in den Vereinigten Staaten anhängig, wobei man eine Prognose ganz sicher wagen kann: dass die Zahl noch steigen wird. Zumal es nicht an Anwälten mangelt, die aggressiv dafür werben, ob im Fernsehen oder auf riesigen Reklametafeln am Autobahnrand, und potenzielle Opfer förmlich dazu anstacheln, Klage einzureichen.

Die britische Ölgesellschaft BP weiß ein Lied davon zu singen. Nachdem im Frühjahr 2010 im Golf von Mexiko die Bohrplattform Deep­water Horizon explodiert war und sich ein Ölteppich auf die Küste Louisianas zubewegt hatte, meldeten nicht nur tatsächlich Geschädigte ihre Ansprüche an, sondern auch Trittbrettfahrer tief im Hinterland. Wer sich noch an das Kapitel erinnert, kann erahnen, was für ein Minenfeld Bayer noch zu durchschreiten hat.

Das nächste Verfahren geht im August in St. Louis über die Bühne, wo Monsanto vor 118 Jahren gegründet wurde. Nicht auszuschließen, dass die Geschworenen in der Stadt am Mississippi milder gestimmt sind als an der Bucht von San Francisco, wo die ersten drei Fälle verhandelt wurden. Doch das ändert nichts am Wesentlichen: der öffentlichen Aufmerksamkeit, die wiederum zur Folge haben kann, dass die Reputation eines Unternehmens auf Jahre hinaus Schaden nimmt.

Bayer – bisher stand der Name beim amerikanischen Normalverbraucher für Aspirin und Alka-Seltzer, eher positiv besetzt als negativ. Mit der Übernahme von Monsanto lud man sich, zurückhaltend formuliert, einen Koloss auf, an dem sich die Geister schon seit Längerem scheiden. Kritiker sehen in dem Agrarriesen eine Kreuzung Viktor Frankensteins mit schnödem Kapitalismus, dessen Züchtungen einerseits die Gesundheit gefährden und der andererseits mit dem Pochen aufs Patentrecht den letzten Heller aus brasilianischen oder indischen Bauern herauspresst und auch mittelwestliche Farmer kräftig zur Kasse bittet. Was Bayer zurzeit widerfährt, hat mit etwaigen anti-deutschen Ressentiments nichts zu tun, zu eindeutig wird die Marke Monsanto als eine amerikanische wahrgenommen. Vielmehr finden sich die Deutschen wieder in einem Hurrikan, den sie nicht verursacht, wohl aber sträflich unterschätzt haben.

Gegner der laxen Umweltpolitik des Präsidenten Donald Trump hoffen darauf, auch der Regierung in Washington einen Denkzettel verpassen zu können. Die Umweltbehörde EPA nämlich, von Trump in ihrem Handlungsspielraum kräftig zurechtgestutzt, hat dem glyphosathaltigen Unkrautvernichter Round­up erst Ende April bescheinigt, kein Gesundheitsrisiko darzustellen, solange er sachgerecht angewandt wird.

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