Vorurteilspfleger unter sich

Ist die ARD-"Tagesschau " eingeknickt? Über den gewaltsamen Tod einer Freiburger Studentin hatte sie - anders als andere Medien - auch nach der Verhaftung des Tatverdächtigen, eines 17-jährigen Asylbewerbers aus Afghanistan, nicht berichtet. Sie tat es erst, als der Fall eine gesellschaftliche Diskussion über Ausländerkriminalität losgetreten hatte. Schnell wurde den ARD-Verantwortlichen in sozialen Netzwerken unterstellt, man habe die Nachricht unterdrücken wollen. Im Zeichen angeblicher "political correctness". Eine Geschichte ganz nach dem Geschmack fremdenfeindlicher Kreise: Haben wir's nicht immer gewusst, dass die Willkommenskultur "kriminelle Elemente" zu uns bringen wird? Und die "Lügenpresse" das nicht hören will.

Nein, die ARD ist nicht eingeknickt. Hält man sich an die Fakten (und nicht an Unterstellungen), war die Entscheidung, den Freiburger Fall nicht in die "Tagesschau " zu hieven, plausibel und richtig. Laut Strafverfolgungsstatistik des Statistischen Bundesamtes gab es 2014 (jüngere Zahlen fehlen) 535 Verurteilungen wegen Mord oder Totschlag, 182 Täter waren demzufolge Nicht-Deutsche (was tunlichst nicht mit Flüchtlingen gleichzusetzen ist). Unstrittig ein hoher Wert. Soll die "Tagesschau " nun etwa jeden Mord melden? Was man den Verantwortlichen von "ARD aktuell" allenfalls vorhalten kann, ist, dass sie das Erregungspotenzial des Freiburger Falles unterschätzten. Erst die nach der Festnahme aufbrandende Debatte führte sie journalistisch zu einer Neubewertung - so dass man in den "Tagesthemen" einen Beitrag nachschob. Kein Grund zur Aufregung oder Legendenbildung.

Wohl aber Grund genug, genauer hinzuschauen, anstatt nur Vorurteile zu pflegen. Aus guten Gründen hält der Deutsche Presserat daran fest, dass Medien nur dann Religion oder Nationalität von Straftätern nennen, wenn es einen "begründeten Sachbezug" zur Tat gibt. Eine Analyse des Bundeskriminalamts hinsichtlich der Frage, ob die Flüchtlingskrise "Auswirkungen auf die Kriminalitätsentwicklung in Deutschland" hat, kam vor einem Jahr zum Ergebnis, dass die Gesamtkriminalität dadurch zwar angestiegen ist. Im Verhältnis aber deutlich geringer als der Zuzug von einer Million Flüchtlingen statistisch hätte erwarten lassen. Blickt man genauer hin, zeigt sich, dass demnach etwa sexuelle Übergriffe nicht einmal ein Prozent der polizeilich erfassten Straftaten von Zuwanderern ausmachen (bei Tötungsdelikten liegt der Wert bei 0,1 Prozent).

Pauschal Ressentiments gegen Flüchtlinge zu hegen, wird für nicht wenige Deutsche dennoch Mittel der Wahl bleiben. Und von Teilen der Politik als Wahlkampfinstrument genutzt werden. Differenzierung ist in diesen Kreisen von jeher total out. Umso wichtiger bleibt sie nun.