Vom "Reserve-Rad" zum ägyptischen "Pharao"

Vom "Reserve-Rad" zum ägyptischen "Pharao"

Kairo. Mit der eigenmächtigen Ausweitung seiner Befugnisse hat Ägyptens Präsident Mohammed Mursi Protest heraufbeschworen

Kairo. Mit der eigenmächtigen Ausweitung seiner Befugnisse hat Ägyptens Präsident Mohammed Mursi Protest heraufbeschworen. Im Juni angetreten mit dem Versprechen, "Präsident aller Ägypter" sein und die Ideale der Revolte gegen den langjährigen Machhaber Husni Mubarak verteidigen zu wollen, verfügte Mursi am Donnerstag, dass die von ihm "zum Schutz der Revolution getroffenen Entscheidungen" rechtlich nicht mehr angefochten werden können. Prompt handelte er sich von Oppositionsführer Mohamed El-Baradei, dem angesehenen früheren Chef der Welt-Atomenergiebehörde, den Vorwurf ein, er gebärde sich als Ägyptens "neuer Pharao".Anhänger loben Mursis bodenständiges Auftreten und seinen Pragmatismus, mit dem er sich in den vergangenen Tagen auch als Vermittler zwischen Israel und der radikalislamischen Hamas im Konflikt um den Gazastreifen Anerkennung verdiente. Kritiker sehen den bärtigen Brillenträger dagegen als bauernschlauen Apparatschik der Islamisten, der gezielt seine Stellung ausbaut, um die Einführung des islamischen Rechts der Scharia in Ägypten voranzutreiben und ein neues autokratisches System einzuführen. Ins Bild passte manchem, dass sich der Präsident am Sonntag bei der feierlichen Einführung des neuen koptischen Patriarchen Tawadros II. vertreten ließ.

Eigentlich war der 61-jährige Mursi bei der Wahl zum Präsidenten nur Ersatzkandidat und wurde als "Reserve-Rad" verspottet. Die islamistischen Muslimbrüder stellten ihren Parteichef für die Präsidentschaftswahl erst auf, als sich abzeichnete, dass der bekanntere Parteivize Chairat al-Schater wegen einer Gefängnisstrafe während der Mubarak-Ära von der Kandidatenliste gestrichen werden würde. Auf den Wahlplakaten sah der Ingenieur, der in Kairo studiert und an der Universität von South Carolina in den USA seinen Doktor gemacht hat, eher schüchtern aus.

Auch bei seinen ersten Auftritten wirkte der Kandidat der wichtigsten politischen Kraft im Land eher defensiv als bissig. Nach seiner Wahl wurde der verheiratete Vater von fünf Kindern jedoch zunehmend selbstsicher. Er profitierte dabei auch von der großen Popularität der Muslimbrüder, aus deren Reihen er nach seinem Wahlsieg austrat. Im August wies er den mächtigen Obersten Militärrat in seine Schranken, indem er dessen Chef Hussein Tantawi in den Ruhestand schickte.

Mursi ist der erste frei gewählte Präsident Ägyptens und der erste Zivilist im Präsidentenamt. Bei der Präsidentschaftswahl in dem bevölkerungsreichsten arabischen Land nach dem Sturz Mubaraks im Februar 2011 setzte er sich knapp gegen seinen Rivalen Ahmed Schafik durch, Mubaraks letzten Regierungschef.

Nach seiner Wahl versprach Mursi einen zivilen Staat, der alle politischen Strömungen, Frauen, Islamisten wie auch die koptischen Christen einbeziehen soll. Die Diskriminierung aufgrund von Religion, ethnischer Zugehörigkeit oder Geschlecht wolle er beenden. Mit seinen Versprechen wollte sich Mursi von seinem Vorgänger Mubarak absetzen, der Jahrzehnte weit entrückt vom Volk als "alter Pharao" geherrscht hat. Nun muss ausgerechnet er sich Pharao-Vergleiche anhören.

Foto: dpa

Mehr von Saarbrücker Zeitung