Vier Sterne und ein scharfer Verstand

Vier Sterne und ein scharfer Verstand

Washington. John R. Allen junior steht im Ruf, ein Problemlöser zu sein. Diese Eigenschaft muss der neue Oberbefehlshaber der Isaf-Truppen nun in Afghanistan unter Beweis stellen. Dort übernahm der 57-Jährige diese Woche das Kommando von David Petraeus, der an die Spitze des US-Geheimdienstes CIA wechselt

Washington. John R. Allen junior steht im Ruf, ein Problemlöser zu sein. Diese Eigenschaft muss der neue Oberbefehlshaber der Isaf-Truppen nun in Afghanistan unter Beweis stellen. Dort übernahm der 57-Jährige diese Woche das Kommando von David Petraeus, der an die Spitze des US-Geheimdienstes CIA wechselt. Während sein Vorgänger im Kampf gegen die Taliban über 130 000 US- und Nato-Soldaten aufbieten konnte, muss Allen bald mit weniger Leuten auskommen.Der Rückzugs-Fahrplan von Präsident Barack Obama sei ehrgeiziger, als sich das Militär gewünscht hätte, räumte der General vor dem US-Senat ein. Zum Jahresende werden 10 000 Soldaten abziehen, weitere 23 000 folgen bis September 2012. Die übrigen Truppen verlassen Afghanistan bis 2014. Das Tempo dafür bestimmt Allen. "Ich mache mir keine Illusionen über die Herausforderungen", sagte er bei der Übergabe der Befehlsgewalt. "Meine Absicht bleibt, den Druck aufrecht zu erhalten."

Im Irak stellte Allen sein Können unter Beweis, als er zwischen 2006 und 2008 in der aufständischen Anbar-Provinz einen strategischen Durchbruch erreichte. Es gilt weithin als Verdienst des scharfsinnigen Marine-Offiziers, die Stammesführer in der Anbar-Provinz auf die Seite der USA gezogen zu haben. Mit Unterstützung der Einheimischen gelang es Allen, die ausländischen Al-Qaida-Kämpfer zu isolieren und das Terror-Netzwerk im Irak entscheidend zu schwächen. Das Vertrauen der sunnitischen Stammesführer half auch, die Spannungen mit der schiitisch dominierten Zentralregierung in Bagdad zu minimieren.

Während Allen im Irak die Strategie von General Petraeus nach Lehrbuch umsetzte, markiert seine Befehlsübernahme in Afghanistan einen Wechsel der militärischen Ausrichtung. Mit abnehmender Truppenstärke werden die Amerikaner demnächst stärker auf einen Anti-Terror-Kurs setzen. Die Staatenbildung, also der Aufbau einer Zivilgesellschaft, tritt zurück hinter gezielte Schläge gegen Al-Qaida- und Taliban-Kämpfer. Die geheime Kommando-Aktion gegen Osama bin Laden und die Drohnen-Attacken auf Ziele in Afghanistan und Pakistan können als Beispiele dieser Strategie gelten. Allen weiß, dass den USA für alles andere mittelfristig die Truppen und das Geld fehlen. Der Einsatz verschlingt bisher jeden Monat rund zehn Milliarden US-Dollar (sieben Milliarden Euro).

Neuer Chef des Isaf-Kommandos: General John R. Allen Foto: dpa.

Mit seiner Beförderung zum Befehlshaber in Afghanistan erhielt der aus Oakton im US-Bundesstaat Virginia stammende Allen seinen vierten Generals-Stern. Der Nachfahre einer Familie mit langer Militärtradition krönt damit eine Karriere, die an der renommierten Marine-Akademie in Annapolis begann. Allen gehört zu der Generation amerikanischer Generäle, die durch ihre intellektuelle Vielfältigkeit beeindrucken. Er hat drei Master-Abschlüsse, interessiert sich für Archäologie und ist auf dem Schlachtfeld ebenso zu Hause wie in der Verteidigungspolitik. Zuletzt diente er als Vize-Chef des "Central Command" in Tampa (Florida), das für den gesamten Nahen Osten zuständig ist.

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