USA: Joe Biden will es für die Demokraten gegen Trump nochmal wissen

Analyse US-Politik : Der Demokraten-Veteran will es nochmal wissen

Er hat lange mit sich gerungen. Seit Monaten spekulieren die amerikanischen Medien da­rüber, ob Joe Biden seinen Hut wohl in den Ring werfen wird. Er selber ließ bisweilen an eine Sphinx denken, mal klang er fest entschlossen, mal eher zweifelnd.

Nun sind die Würfel gefallen. Diesen Donnerstag wird der Veteran der Demokraten per Video seine Bewerbung zum Kandidaten für das Weiße Haus verkünden. Vier Tage darauf wird er nach Pittsburgh reisen, wo er in einem Gewerkschaftslokal seine erste Wahlkampfrede hält.

Biden reiht sich ein in ein Kandidatenfeld, das so groß ist wie selten zuvor, schon jetzt angewachsen auf über zwanzig Namen. Der Andrang hat damit zu tun, dass sich die Opposition gute Chancen ausrechnet, Donald Trump nach nur vier Jahren im Oval Office abzulösen. Eine Opposition, die auch deshalb aus der Schockstarre der verlorenen Wahl 2016 erwachte, weil Jüngere, zumeist links Gesinnte an der Basis für neuen Schwung sorgten. Biden, politisch in der Mitte angesiedelt, ist 76, der Zweitälteste nach Bernie Sanders. Sollte er die Wahl gewinnen, wäre er bei Amtsantritt 78. Die einzige große Organisation dieser Welt, die von solchen Greisen geleitet werde, sei die römisch-katholische Kirche, spitzt es der legendäre Wahlstratege James Carville zu.

Andererseits glaubt Biden, am ehesten in der Lage zu sein, jene weißen Arbeiter, die zu Trump überliefen, zurück ins Lager der Demokraten zu holen. Obwohl er seit fünf Jahrzehnten in Washington Politik macht, hat sich der Mann aus Pennsylvania eine gewisse Bodenständigkeit bewahrt, zumindest in der Rhetorik. Einmal ließ er in burschikosem Ton wissen, am liebsten würde er Trump „hinter die Turnhalle“ bitten, um Mann gegen Mann die Kräfte zu messen.

Schon 2016, glauben seine Fans, hätte der kantige Volkstribun im Wettstreit mit dem Milliardär bessere Karten gehabt als Hillary Clinton. Den Rust Belt mit Staaten wie Pennsylvania hätte er nie an Trump verloren, sagen sie. Dass der damalige Vizepräsident Barack Obamas auf eine Kandidatur verzichtete, lag an einem Schicksalsschlag. Sein Sohn Beau starb mit 46 an Krebs.

Biden hat früh davon geträumt, einmal im Weißen Haus zu residieren. Schon früh erlebte der junge Senator auch den ersten Schicksalsschlag, als seine erste Frau und die einjährige Tochter bei einem Unfall starben. Mit 30 trug sich Biden mit Selbstmordgedanken. Schon damals wollte er auch politisch aufgeben. Aber er blieb im Geschäft.

Zweimal bewarb er sich bislang fürs Präsidentenamt, zweimal ohne Erfolg. 1988 wurde ihm zum Verhängnis, dass er ganze Passagen einer Rede des britischen Labour-Politikers Neil Kinnock übernommen hatte. 2008 stand er chancenlos im Schatten Obamas und Clintons. Schon wegen der Vorgeschichte wird niemand behaupten, dass Biden nun der klare Favorit wäre. In den Umfragen liegt er zwar vorn, was aber nicht viel heißt, da die Vorwahlen erst im Januar beginnen. Zudem schleppt er politischen Ballast mit sich herum. Er hat den Einmarsch im Irak unterstützt, in den Neunzigern plädierte er für drakonische Strafen, um der Kriminalität Herr zu werden.

Das alles wird Biden Skeptikern in seinen Reihen nochmal erklären müssen. Auch, dass er Frauen anfasste oder an ihrem Haar roch, wenn diese sich, neben ihm im Rampenlicht, nicht zu wehren trauten. Ein aus der Zeit Gefallener, sagen Kritiker. Ein Mann, der aus Fehlern gelernt hat, sagen Anhänger. Joe Biden wiederum glaubt, dass eine Mehrheit der Wähler seinen Pragmatismus zu schätzen weiß, sollte er im Finale gegen Trump antreten. „Und darum geht es ja: Wer kann diesen Burschen besiegen?“