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Unermüdlicher Kämpfer für die Erinnerung

Unermüdlicher Kämpfer für die Erinnerung

Wie ein dickes Telefonbuch liegt sein Lebenswerk vor ihm auf dem Schreibtisch. 30 Jahre lang saß Serge Klarsfeld an der Auflistung der aus Frankreich unter den Nazis deportierten 76 000 Juden . Einer der Namen in dem gut 800 Seiten langen Buch "Mémorial de la déportation des Juifs de France", das er 2012 neu auflegte, ist der seines Vaters.

Acht Jahre ist Serge alt, als die Gestapo Arno Klarsfeld in der Nacht zum 1. Oktober 1943 mitnimmt. Der Junge sitzt zusammen mit seiner Mutter und Schwester versteckt hinter einer eigens eingebauten Zwischentür im Kleiderschrank ihrer Wohnung in Nizza. Arno Klarsfeld stellt sich der Gestapo , um seine Familie zu schützen und wird später in Auschwitz ermordet. "Diese Nacht der Massenverhaftungen ist mein ganzes Leben lang eine Richtschnur für meine jüdische Identität geblieben", schreibt Serge Klarsfeld , der heute 80 wird, in seinen im Frühjahr erschienenen Memoiren .

Ein zweites Datum hat das Leben des Historikers und Anwalts geprägt. Es ist jener Tag im Mai 1960, als er auf dem Bahnsteig der Pariser Metrostation Porte de Saint-Cloud ein deutsches Au-Pair-Mädchen trifft. "Sind Sie Engländerin?" fragt er Beate Künzel, die er drei Jahre später heiratet. "Ein Jude und eine Deutsche: Ihr seid ein außergewöhnliches Paar", sagt der Bürgermeister bei der Trauung. Zusammen machen Serge und Beate Klarsfeld , die zwei Kinder und zwei Enkel haben, es sich in den kommenden Jahrzehnten zur Aufgabe, NS-Verbrecher in der ganzen Welt aufzuspüren und sie vor Gericht zu bringen.

Auf spektakuläre Weise weist Beate Klarsfeld die Öffentlichkeit 1968 auf die Nazi-Vergangenheit des damaligen Bundeskanzlers Kurt Georg Kiesinger hin: Sie ohrfeigt ihn auf dem Parteitag der CDU in Berlin. Während sie damals allein handelte, ist drei Jahre später beim Versuch, den früheren Pariser Gestapo-Chef Kurt Lischka in Köln zu entführen, auch Serge mit dabei. Ihre hartnäckige Suche nach Kriegsverbrechern führt das Paar, das sich nur ungern als "Nazi-Jäger" bezeichnet, bis nach Bolivien. Dort macht Beate Klarsfeld in den 70er Jahren Klaus Barbie ausfindig, den "Schlächter von Lyon". 1983 kommt es zur Auslieferung nach Frankreich, wo Barbie zu lebenslanger Haft verurteilt wird.

Bei den Aktionen des Paares steht meist Beate Klarsfeld im Vordergrund, während ihr Mann von zu Hause aus plant und begleitet. "Ohne ihn, sein vollständiges und doch diskretes Engagement an meiner Seite, ohne seine ständige Energie, was hätte ich da machen können?", fragt sich die 76-Jährige in ihren gemeinsamen Memoiren . Im Juli bekam das Paar für sein Engagement das Bundesverdienstkreuz verliehen.

Noch heute arbeiten die beiden täglich Seite an Seite in ihrem mit Papieren und Dokumenten vollgestopften Büro in der Rue de la Boetie in Paris . Dort leitet Serge Klarsfeld die von ihm im Jahr 1979 ins Leben gerufene Stiftung der Söhne und Töchter der französischen Deportierten (FFDJF). Dem Gedenken an die Opfer des Nazi-Regimes will er sich auch weiter widmen: "Die tausende Stimmen, die in meiner Erinnerung rumoren: Ich werde weiterhin mein Bestes tun, damit sie gehört werden."