Leitartikel : Beim Plastik-Müll ist auch der Bürger gefragt

Der Strudel Plastikmüll im Pazifik ist ein trauriges Mahnmal der gedankenlosen Wegwerfkultur. 79 000 Tonnen Kunststoff, hergestellt aus kostbarem Rohöl und Gift für Meereslebewesen, schwimmen irgendwo zwischen Hawaii und Kalifornien im Ozean. Über die Nahrungskette wandern Mikroplastikteile in die Mägen der Menschen. Die Forschung hat noch keine Ahnung, ob und wenn ja, welche gesundheitlichen Schäden das bei den Menschen anrichtet. Höchste Zeit, dass die EU dem Meer an Plastik den Kampf ansagt. Mit dem Binnenmarkt, wo 500 Millionen Verbraucher leben, hat die EU es in der Hand, wirklich etwas zu bewegen: Sie kann Standards setzen, die andere dann übernehmen. Sie kann den Anstoß dafür geben, dass der Raubbau an Ressourcen und die Umweltverpestung auch anderswo angegangen werden. Sie verhilft der EU-Industrie damit letztlich zu mehr Wettbewerbsfähigkeit.

Den Anfang machte die EU-Kommission vor zwei Jahren mit ihrem Feldzug dagegen, dass sich Verbraucher beim Einkaufsbummel in der Stadt gedankenlos Plastiktüten in die Hand drücken lassen. In immer mehr Geschäften müssen sie jetzt dafür bezahlen. Schon dies trägt dazu bei, dass pro Kopf immer weniger Plastiktüten ausgegeben werden. Jetzt kommt der zweite Schritt: Die Kommission verbietet Einwegplastikgeschirr und drückt der Industrie die Kosten für die Beseitigung von Zigarettenkippen und anderem Wohlstandsmüll an den Küsten Europas auf. Das ist in Ordnung: Damit werden die Konsumenten eines Tages über höhere Produktpreise an den Entsorgungskosten beteiligt, die bislang allein die Steuerzahler und die Tourismuswirtschaft aufbringen. Die Kommission handelt hier übrigens in bestem Einvernehmen mit einer Mehrheit der EU-Bürger. Es bleibt zu hoffen, dass die Regierungen in den EU-Ländern das Gesetzgebungsverfahren nun zügig mittragen. Um die Flut an Kunststoffverpackungen möglichst kräftig zu senken, sind nun zwei Akteure gefordert.

Zum einen sind da der Handel und die Lebensmittelindustrie: Viel zu viele Lebensmittel sind extrem aufwendig verpackt. Selbst an der Gemüsetheke im Supermarkt hat der Verbraucher häufig keine andere Wahl, als in Plastik eingeschweißten Spargel und Tomaten zu kaufen – selbst wenn die Produkte regional angebaut wurden. Ziel sollte es sein, dass Verpackungen mit möglichst geringem Plastikanteil neben der Qualität zum Kaufkriterium werden.

Letztlich kommt es aber zum zweiten auch auf den Verbraucher und seine Gewohnheiten an: Das fängt beim Kaffee unterwegs an. Wer nicht darauf verzichten will, kann vielleicht bewusst den Plastikdeckel im Geschäft liegen lassen. Das Trinkwasser aus der Leitung hat häufig eine höhere Qualität als das abgepackte Wasser. Zumal bei dem Wasser aus der Plastikflasche noch nicht abschließend geklärt ist, ob nicht auch kleinste Plastikpartikel mit geschluckt werden. Vielleicht kommen eines Tages auch wieder mehr Menschen auf den Geschmack, dass der Verzehr von hochwertigem Essen auf Porzellantellern ein Fortschritt ist.